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Unknown Waters – part 10.1
by cara_la_mia (cara_la_mia)
at 7. November 2009 (20:01)
current music: Bring on the Wonder – Susan Enan/Sarah McLachlan

So, es hat zwar eine halbe Ewigkeit gedauert, aber nun poste ich auch endlich das neue Gr0ßkapitel. Insgesamt hat es acht Teile (oder sogar noch mehr, wenn ich hier wieder wegen der Länge splitten muss), aber was ich heute nicht mehr hochlade, folgt dann nächstes Wochenende. Viel Spaß mit der Fortsetzung auf Korfu! :)

Title Unknown Waters              
Part: 10.1/?     
Pairing: Tom/Fady    
Rating: R         
Language: German    
Summary: “You let me dive in unknown waters, I close my eyes, I learn to see...”  
Disclaimer: Thomas und Fady gehören nur sich selbst; ich habe keine Ahnung von ihrem Liebesleben und möchte mit meiner Story auch niemandem zu nahe treten. Wie jedem, der die Medien verfolgt, sicher sofort auffällt, handelt es sich hier um ein Alternate Universe, in dem meine Fantasie gern lange Spaziergänge unternimmt.

Und zuletzt: vielen lieben Dank an bm_shipper , meine geduldige Beta-Leserin, die mir geholfen und mich ermutigt hat. :)



Unknown Waters

X. HIMMELWEIT

Thomas trat von einem Fuß auf den anderen. Am Flughafen war kaum Betrieb – die Tourismussaison war ja längst vorbei – bis auf ’ne Horde Kinder, die zwischen den Schaltern einen Tennisball hin- und herkickten, während ihre Mutter seelenruhig Zeitung las. Nervös zupfte Thomas am Reißverschluss seiner Sweatjacke und zog ihn schließlich ganz auf. Laut digitaler Anzeige waren’s zwar nur 17 Grad, aber im Vergleich mit dem Kölner Wetter kam’s ihm wie Hochsommer vor. Außerdem roch es hier total sommerlich nach trockenem Gras und irgendwelchen Kräutern. Vorhin, als er auf den Parkplatz rausgewandert war, um den Mietwagen in Augenschein zu nehmen, hatte er sich ans Auto gelehnt und ’ne ganze Weile nur in den wolkenlos blauen Himmel hochgeschaut. Diese Weite hatte einfach was atemberaubendes. Und ihm blieb ja genug Zeit, denn Fadys Flug aus Athen kam erst ’ne Stunde nach seinem an.

Ungeduldig sah Thomas zur Uhr. Schon vor zwanzig Minuten war der Flieger nun gelandet, aber von den Passagieren immer noch keine Spur. Konnte doch eigentlich nicht so lang dauern mit dem Gepäck, schließlich gab’s hier nur ein einziges Terminal, und er stand auch mit Sicherheit vor dem richtigen Ausgang. Die Anzeige über der Zollkontrolle blätterte jetzt schwerfällig um und zeigte schon die nächste Ankunft an. Thomas war kurz davor, mal nachzufragen, als sich die Türen endlich auseinanderschoben und die ersten Reisenden rausströmten. Waren wohl hauptsächlich Einheimische, die Weihnachten anderswo verbracht hatten.

Thomas trat einen Schritt beiseite, hielt die Türen aber unentwegt im Blick. Herzklopfen hatte er ohnehin, aber je länger es dauerte, desto mehr ging ihm auch die Flatter. Vielleicht hatte Fady ja den Anschlussflug in Athen verpasst – aber dann hätte er sich doch bestimmt gemeldet, wenigstens ’ne SMS geschickt oder sowas. Es sei denn, er hatte es sich im letzten Moment noch anders überlegt...

Jetzt spinn hier nicht rum! Thomas schob seine Finger in die Hosentasche und schloss sie um die Autoschlüssel. Nach der ganzen Zeit würde er’s ja wohl schaffen, ’ne halbe Stunde zu warten, ohne gleich im Dreieck zu springen. Allerdings waren die meisten Passagiere aus Athen nun schon an ihm vorbeimarschiert, nur ’ne Seniorengruppe trödelte noch hinterher, außerdem zwei Afrikanerinnen in knallbunten Kleidern und –

“Hey, Fady!” Ohne besondere Rücksicht auf die Senioren und ihr umfangreiches Gepäck stürzte Thomas auf ihn zu.

Fady schleppte sich mit einem riesigen Koffer, einem Rucksack und ’ner Reisetasche ab, die sich nur schwer durch das momentane Gedränge beim Zoll manövrieren ließen, und hatte ihn wohl noch gar nicht bemerkt. Seine Haare waren kürzer als zuletzt und ein bisschen zerzaust. Außerdem hatte er diesen leicht gestressten Gesichtsausdruck – aber der schmolz im nächsten Moment weg wie Schnee unter ’ner Thermolampe, als er den Kopf in Thomas’ Richtung drehte. Er setzte Tasche und Koffer ab und lächelte ganz ungläubig.

Thomas machte noch einen letzten Schritt auf ihn zu, schnappte nach Luft – und dann ging’s wie von selbst, dass sie sich einfach wortlos in die Arme fielen. Wie’n geschlossener Schaltkreis war das, der Thomas gleich mit neuer Energie versorgte. Er drückte Fady an sich, so fest es nur ging, und schob beide Hände unter dem Rucksack durch an seinem Rücken hoch.

“Fady...” murmelte er, während sich alles in ihm aufs reine Gefühl konzentrierte. Fady hatte die Arme um seinen Nacken und seine Taille geschlungen und atmete ganz tief. War trotz allem einfach ’n perfekter Moment. Warm und nah und tausendprozentig real.

Erst als sich Fady langsam von ihm zurückschob, wurde ihm bewusst, dass die Senioren immer noch nebendran rumstanden und ihr Gepäck sortierten. Zögernd ließ Thomas los. Hier kannte sie ja zum Glück keiner, aber wildes Rumknutschen mitten in der Öffentlichkeit war halt trotzdem nicht drin – egal wie sehr’s ihn danach drängte. Gerade jetzt, als Fady sich die Haare aus der Stirn strich und es in seinen Augen so lebhaft aufblitzte.

“Wow – also für eine Moment hab ich gedacht, wir landen auf den Meer!” war das Erste, was er sagte.

Die einzige Start- und Landebahn ragte weit ins Wasser raus, das machte den Anflug schon ziemlich spektakulär. “Ging mir genauso.” Thomas stand einfach nur da und strahlte ihn an, bis sein Verstand allmählich wieder auf Normalbetrieb schaltete. “Aber sag mal, warum hat’n das eben so elend lang gedauert? Du warst ja fast der Letzte, der rauskam.”

“Na, ich habe ein libanesische Pass, das dauert immer länger als bei europäische passengers.” Fady legte den Kopf etwas zur Seite. “Hast du dir Sorgen gemacht ich komm nicht mehr?”

Verlegen biss sich Thomas auf die Unterlippe. Eigentlich hätte er damit rechnen müssen, dass Fady ihn sofort durchschauen würde. “Naja, manchmal... seh ich jetzt wohl schon Gespenster.”

“Also, ich wäre bestimmt gekommen und wenn ich schwimmen musste!” Wie zufällig ließ Fady seine Finger über Thomas’ Handgelenk streifen. “Nur das hätte schon sehr lange gedauert.”

“Ein Glück, dass das nicht nötig war!” Thomas griff nach seiner Reisetasche. “Dann lass uns mal zusehen, dass wir hier wegkommen. Mietwagen hab ich schon organisiert und direkt vornan geparkt.” Als er sich die Tasche über die Schulter hängte, wäre er allerdings fast eingeknickt. “Was schleppste denn da alles mit dir rum?”

“Mein Laptop, Bücher, CDs...” Fady zuckte mit den Schultern.

“Und ’n paar libanesische Felsbrocken zum Andenken,” ergänzte Thomas und grinste.

Lachend versetzte ihm Fady einen Klaps auf den Arm. Draußen vor dem langgestreckten Flughafengebäude blieb er dann erstmal stehen, ließ die Augen zufallen und genoss für’n Moment wohl einfach die Nachmittagssonne. Thomas musterte ihn von der Seite. Trotz der gebräunten Haut zeichneten sich deutliche Schatten unter Fadys Augen ab, und wenn er über die Feiertage wirklich zugenommen hatte, war inzwischen keine Spur mehr davon übrig.

“So,” sagte er dann mit einem Stoßseufzer, “und wo steht jetzt die Auto?”

“Gleich da drüben.” Thomas streckte eine Hand aus. “Is’ allerdings fast ’n Oldtimer.”

Genauer gesagt war’s ein blauer Ford Granada aus den Achtzigern, allerdings schien er soweit noch gut in Schuss zu sein. Nachdem sie ihr Gepäck im Kofferraum verstaut hatten, zog Thomas einen mehrfach gefalteten Zettel aus der hinteren Hosentasche. Per Mail hatte ihm Hannes eine genaue Wegbeschreibung geschickt, und die würde er bestimmt brauchen, schließlich waren alle Straßenschilder griechisch beschriftet.

“Wir fahrn jetzt direkt raus zu Hannes,” sagte er, als er sich hinters Lenkrad geklemmt hatte. “Das is’ etwa vierzig Kilometer von hier, sollte also nicht zu lang dauern.”

“Soll ich den nehmen?” Fady deutete auf den Zettel, den Thomas immer noch festhielt.

“Ja, übernimm du mal die Navigation...” Thomas steuerte den Wagen Richtung Ausfahrt und musste das Gaspedal ordentlich durchtreten, bis der Ford mal in Schwung kam. “Lies mir vor, wo ich abbiegen muss, und ich seh zu, dass wir nicht irgendwo in der Pampa landen.”

Anfangs war das nicht weiter schwierig, denn rund um den Flughafen gab’s noch lesbare Schilder. Außerdem musste er nur die Küstenstraße entlang an der Stadt vorbeifahren. Fady schaute die ganze Zeit über konzentriert aus dem Fenster. Wahrscheinlich tat’s ihm einfach gut, sich mit all diesen neuen Eindrücken abzulenken. Erstmal hier anzukommen, statt sich gleich wieder mit allen möglichen Problemen rumzuschlagen. Thomas hatte jedenfalls nicht vor, ihm Fragen zu stellen oder irgendein kritisches Thema anzuschneiden, bevor sie bei Hannes auf dem Bauernhof angelangt waren.

Kaum dass sie Kerkyra hinter sich gelassen hatten, kamen auch ’ne grau-grüne Berglandschaft in Sicht. Zwischen dem Baumbewuchs waren stellenweise schroffe Felsen zu sehen, und manchmal glitzerte ein Wasserlauf in der Sonne.

“Das ist alles so grün hier!” sagte Fady erstaunt. “Sogar mitten im Winter.”

“Naja, gibt halt ’ne Menge Nadelbäume, schätz ich mal.” Im nächsten Moment musste Thomas hart auf die Bremse treten, weil ihn ein aufgemotzter Sportwagen knapp überholte. Die Griechen fuhren alle wie die Henker, schlimmer als die Franzosen.

“Ja, trotzdem...” Fady beugte sich zur Windschutzscheibe vor. “Wir haben früher doch mal in Griechenland gewohnt – obwohl ich war da noch so klein, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann. Aber auf die ganzen Fotos von meine Eltern, die Umgebung ist immer so –” Er gestikulierte etwas fahrig. “– so braun und trocken, wie eine Steppe fast.”

“Soll hier auch grüner sein als irgendwo sonst in Griechenland,” antwortete Thomas. “Weil’s so weit nördlich liegt. Hab ich jedenfalls im Internet gelesen.”

“Schön ist das,” sagte Fady leise und lehnte sich wieder in seinem Sitz zurück.

Für die längste Zeit war das erstmal das Ende jeder Unterhaltung. Fady schien seinen eigenen Gedanken nachzuhängen, las nur ab und zu aus Hannes’ Wegbeschreibung vor, während Thomas den Verkehr im Auge behalten musste. Und für irgendwelchen Smalltalk schleppten sie wohl beide noch zuviel emotionalen Ballast mit sich rum.

Inzwischen war auch die Sonne hinter der Bergkette im Westen abgetaucht, und als sie schließlich von der Küstenroute abbogen, lag die Straße in tiefen Schatten. Thomas schaltete die Beleuchtung ein. Waren immer noch ’ne Menge Fahrzeuge unterwegs, für so ’ne dünn besiedelte Insel, aber jetzt an Silvester machten sich vermutlich viele zu ihren Freunden und Verwandten auf. Direkt vor ihnen zeichnete sich der höchste Berg wuchtig gegen den tiefblauen Himmel ab.

“Jetzt weiß ich, warum du wolltest so gern herkommen!” meinte Fady. “So eine Berg, das muss dir ja gefallen.”

“Klar.” Thomas warf ihm einen schnellen Blick von der Seite zu. “Wobei – so richtig hoch ist der ja gar nicht, nur knapp über 900 Meter. Is’ mehr ’n Spaziergang als ’ne Klettertour, wenn man da rauf will.”

“Aha,” sagte Fady betont und zog die Augenbrauen hoch.

“Du musst aber nicht mitkommen, wenn du keinen Bock drauf hast.”

“Natürlich ich komme mit. Und ich wette, ich bin auch als der erste ganz oben!” Fadys Lächeln hatte gleich was herausforderndes. “Hier,” sagte er im nächsten Moment, “du musst nach rechts hier einbiegen, in die nächste Straße.”

Fast hätten sie die Abfahrt verpasst, aber Thomas nahm gerade noch rechtzeitig den Fuß vom Gas und schlug das Lenkrad kräftig ein. Richtung Nordosten schlängelte sich eine verlassene Nebenstraße in die Berge hoch, die nicht mal mehr asphaltiert war. Auf beiden Seiten wuchsen knorpelige Olivenbäume, so weit das Auge reichte.

“Jetzt fahr mal an die Straßenrand,” sagte Fady plötzlich.

Ohne groß drüber nachzudenken brachte Thomas den Wagen auf dem Grasstreifen zum Stehen. “Musst du mal austreten?”

“Nein!” Fady lachte leise, lehnte sich dann zu ihm rüber und schlang ihm eine Hand um den Nacken. “Ich muss nur dich küssen. Ich habe schon gewartet auf die passende Moment.”

Sprachlos sah ihm Thomas in die Augen, spürte schon die sanfte Berührung von Fadys Mund an seinem und konnte so schnell gar nicht schalten. Erst als Fady sich aufrichtete und ihn etwas gedankenverloren anlächelte, spielten seine Reaktionen wieder mit. Er griff nach Fadys Schulter, zog ihn an sich und versank unmittelbar in einem heftigen Kuss. Fadys Lippen fühlten sich unglaublich warm an, drängten sich eng an seine und raubten ihm in kürzester Zeit den Atem. Da lag auch soviel Gefühl drin, als wollte Fady ihm jetzt auf dem schnellsten Weg so nah wie möglich kommen, alles nachholen oder wiederfinden oder sich einfach drin verlieren...

Obwohl der Sitzgurt ihn etwas dabei behinderte, schob sich Thomas dichter an ihn ran und umfasste sein Gesicht mit beiden Händen. Seine Zunge glitt über Fadys Lippen in seinen Mund, während sich Fadys Hand im gleichen Moment fester um seinen Nacken schloss. Ihn mit jedem Atemzug so nah bei sich zu spüren, war einfach unfassbar – gerade jetzt – und wirbelte gleichzeitig ’n halbes Dutzend unterschiedliche Reaktionen auf. Ein einziger Strudel, in dem sich Sehnsucht, Zweifel und Erwartung hoffnungslos durcheinandermischten. Alles, was sich über die vergangenen Tage aufgestaut hatte, überrollte ihn jetzt gleich noch mal.

Schließlich war’s dann auch Fady, der sich als erster aus diesem Kuss löste. Mit geschlossenen Augen ließ er den Kopf an die Nackenstütze sinken.

“Alles okay?” fragte Thomas leise.

Fady schluckte und schlug zögernd die Augen auf. “Jetzt... ja. Schon viel besser als die letzten Tage.”

“Das war aber nur der Anfang.” Thomas gab sich alle Mühe, seine Stimme fest klingen zu lassen.

Fadys Blick glitt zur Seite. “Und... wie weit müssen wir noch fahren?”

“Nur ’n paar Kilometer.” Thomas gab sich einen Ruck und drehte den Zündschlüssel um. “Bloß kommt jetzt der schwierigste Teil der Strecke, wo’s überhaupt keine Schilder mehr gibt.” Mit einem kurzen Husten sprang der Motor wieder an. Wurde auch Zeit, dass sie sich wieder auf den Weg machten, wenn sie ihr Ziel noch bei Tageslicht erreichen wollten.

Weiter oben in den Bergen kletterten vereinzelt Ziegen zwischen den Felsen herum, obwohl weit und breit kein Mensch zu sehen war. An einigen Stellen war die Straße auch verdammt schmal, bei Gegenverkehr wär’s da schon kritisch geworden, gerade jetzt, wo’s allmählich dämmerte.

“Mann, is’ das abgelegen hier,” murmelte Thomas vor sich hin und fügte hastig hinzu: “Aber Hannes meinte, dass es gar nicht so weit ist bis Acharavi – das is’ wohl der nächste Ort – nur liegt sein Hof halt ’n Stück oberhalb.”

Schweigsam wie zuvor saß Fady neben ihm und studierte die Angaben auf dem Zettel. “Jetzt muss gleich eine crossroad kommen,” sagte er schließlich, “und dann links... noch zweihundert Meter.”

“Okay.” Thomas schaltete vorsichtshalber schon mal einen Gang runter. Hinter der nächsten Senke kam auch tatsächlich eine Abzweigung in Sicht, wobei der linke Weg wohl einfach die Zufahrt zum Hof war.

Thomas steuerte den Ford zwischen Olivenbäumen durch, bis zwischen den kahlen Ästen einige Ziegeldächer auftauchten. Eine kleine Steinmauer umschloss die niedrigen Gebäude, die eher durcheinandergewürfelt wirkten. Unter den Rädern knirschten Sand und Kies, als er bremste. “Da wärn wir!”

Fady sprang sofort aus dem Wagen und streckte die Arme durch. Der Hof lag an einem Hang, der nach Norden hin ziemlich steil abfiel. “Ich kann das Meer sehen!”

“Ach, echt?” Thomas wanderte ums Auto herum, aber im gleichen Moment öffnete sich knarrend eine Tür, und Hannes kam aus dem mittleren Gebäude auf sie zumarschiert.

“Hey, da seid ihr ja!” Wie meist hatte er seine langen roten Haare in einem Zopf nach hinten gebunden, und in seiner ausgeleierten Kluft wirkte er fast wie’n echter Bauer. Die Statur dafür hatte er jedenfalls. “Habt ihr’s gut gefunden?”

“Klar, kein Problem.” Thomas schüttelte ihm die Hand. Wobei in Hannes’ Fall sowas wie ‘Pranke’ eigentlich passender war. “Bei deiner ausführlichen Beschreibung konnte ja gar nix schiefgehen.”

Fady riss sich nun auch vom Meerblick los, und Thomas stellte die beiden einander vor. Hannes lächelte breit, als er Fady die Hand gab. “Und du bist extra aus’m Libanon hergeflogen? Fühl mich geehrt.”

“Danke für die Einladung,” sagte Fady etwas förmlich.

“Ach was.” Hannes winkte ab. “Hin und wieder hab ich ganz gern mal Gesellschaft hier oben.” Mit einer Hand deutete er auf den Ford. “Dann laden wir am besten erstmal euer Gepäck aus, und ich zeig euch, wo ihr untergebracht seid.”

Bepackt mit Taschen und Koffern stapften sie zu dritt um einen eher baufälligen Schuppen herum. Dahinter lag ein langgestrecktes Gebäude mit vielen kleinen Fenstern.

“Früher waren das hier alles Lagerräume und Ställe...” Hannes stieß mit einer Schulter die blau gestrichene Holztür auf. “Hab ich so nach und nach umgebaut, bis es einigermaßen wohnlich war.” Er stellte Fadys großen Koffer im Flur ab und knipste das Licht an. “Ganz vornean ist das Bad, dann die Küche, und hier is’ das größere Schlafzimmer...”

Eingerichtet war es mit einem Doppelbett, einem alten Schrank und zwei Stühlen. Die beiden Fenster standen weit offen. “Hab überall Fliegengitter angebracht,” erklärte Hannes, “sonst hat man hier gleich haufenweise Mückenschwärme drin.” Er zuckte mit den Schultern. “Tja, viel Komfort gibt’s natürlich nicht.”

“Wie jetzt – kein Whirlpool?” Thomas grinste und klopfte ihm auf die Schulter. “Danke, Mann! Also mir gefällt’s.”

“Bestimmt wir werden uns hier wohlfühlen,” fügte Fady hinzu.

“Weiter hinten ist noch ’ne Art Wohnzimmer und ’n kleineres Schlafzimmer. Falls ihr das braucht.” Hannes schien sich grad ein Grinsen zu verkneifen, sprach dann aber sofort weiter. “Naja, macht’s euch erstmal gemütlich. Ich will nachher noch los, mit ’n paar Freunden ins neue Jahr reinfeiern, aber wenn ihr Hunger kriegt, bedient euch einfach aus meinem Kühlschrank. Ich hab euch in der Küche auch ’ne Straßenkarte hingelegt. Wir sehn uns dann morgen.”

“Alles klar – danke,” sagte Thomas, aber da war er schon zur Tür raus.

Fady legte den Kopf schräg und schien seinen Schritten hinterherzulauschen. “Hast du –” Sein Blick richtete sich wieder auf Thomas. “– dem was gesagt über uns?”

“Nee, nich’ so direkt.” Thomas zog verlegen die Schultern hoch. “Das hat er sich wohl selbst so zusammengereimt. Oder Torsten hat ihn aufgeklärt. Stört dich das?”

“Nein, wieso denn?” Fady schaute sich im Raum um.

Niedrige Decken, gekalkte Wände, Holzfußboden und gelbe Vorhänge, die sich im Luftzug leicht bewegten. Mehr gab’s da nicht zu entdecken. Thomas rieb die Handflächen aneinander, während Fady zum Fenster rüberging und nach draußen sah. Dann drehte er sich um und lehnte sich gegen die Fensterbank, aber sein Blick wirkte verhangen und irgendwie... unbeteiligt.

“Wollen wir – ich weiß nicht, schon mal anfangen, unsere Klamotten auszupacken?” Thomas füllte die Pause mit ’ner unsicheren Handbewegung. “Oder... wenn du jetzt ’n bisschen Zeit für dich brauchst – also um dich hier einzugewöhnen oder so –”

“Nein!” unterbrach ihn Fady und stieß sich von der Fensterbank ab. “Entschuldige, ich war... mit meine Gedanken woanders.”

“Schon okay,” murmelte Thomas.

Mit schnellen Schritten kam Fady auf ihn zu und blieb dicht vor ihm stehen. “Ich bin doch hier, weil ich wollte bei dir sein. Mehr als alles andere.”

Allerdings kam davon momentan nicht so viel bei Thomas an. Etwas zögerlich strich er über Fadys Oberarme und fasste ihn bei den Schultern. “Das weiß ich auch, Fady. Aber das ging jetzt alles so Hals über Kopf – und manchmal... hakt’s beim Übergang ja auch ’n bisschen. Haste mir letztens erst geschrieben.”

“Das stimmt.” Fady legte eine Hand an seine Brust und lächelte, wobei das eher nach ’ner bewussten Anstrengung aussah. “Vielleicht... ich sollte erstmal unter die Dusche gehen. Das war schon ein ziemlich lange Reise.”

“Klar.” Thomas ließ ihn los und trat einen Schritt zurück. “Dann kümmer ich mich mal ums Gepäck und räum unser Zeug ein.”

“Geh bloß nicht an mein Koffer!” Ganz plötzlich blitzte es in Fadys Augen. “Da ist nämlich deine Weihnachtsgeschenk drin.”

“Dann rühr ich natürlich nix an!” Thomas hob beide Hände. “Aber hoffentlich ist dein Koffer nicht deswegen so schwer.”

“Nein, keine Sorge.” Fady wirkte schon etwas entspannter, als er sich zum Gehen wandte. Von der Tür her sagte er: “Aber wehe, du kuckst doch!”

“Würd ich niemals wagen.” Thomas grinste ihm hinterher und rieb sich den Nacken. Eigentlich hatte er doch damit gerechnet, dass Fady noch ziemlich durch ’n Wind sein würde. Damit er innerlich wieder ins Gleichgewicht kam, brauchte’s halt einfach Zeit. Und die hatten sie ja nun. Endlich.

Nun steh hier nicht blöd rum, trieb sich Thomas selbst an. Er hatte schließlich nur ’n Flug von anderthalb Stunden hinter sich und konnte sich zwischenzeitlich schon mal nützlich machen.

 

Als Fady zwanzig Minuten später aus der Dusche kam, hatte Thomas ihr ganzes Gepäck ins Schlafzimmer geschafft und schon einiges ausgepackt. Allerdings sah der Raum dadurch mehr nach ’m Schlachtfeld aus als sonstwas.

Barfuß und in einen hellblauen Bademantel gehüllt schlenderte Fady ins Zimmer. Schüttelte erstmal nur den Kopf. “So viele Sachen!”

Unten an seiner Kehle glitzerten ein paar Wassertropfen. Thomas richtete sich auf, hatte eigentlich was bedauerndes sagen wollen über das Chaos, das er hier in kürzester Zeit veranstaltet hatte, aber jeder Gedanke war mit einem Mal wie weggeblasen. Weggespült von einem plötzlichen Glücksgefühl, das wie ’ne Springflut in ihm hochschwappte. Weil sie jetzt hier waren. Und überhaupt.

Fady stand inzwischen direkt vor ihm. “Was ist? Du siehst mich so an...”

Noch bevor er’s richtig wusste, hatte Thomas schon eine Hand gehoben, streifte mit den Fingerspitzen an Fadys Kehle nach oben bis zu seinem Ohr. “Deine... Haare sind noch ganz nass.”

Das war’s ja eigentlich nicht, was er hatte sagen wollen, aber um Fadys Mundwinkel zuckte es amüsiert. “Naja leider, ich hab meine Föhn vergessen einzupacken.”

Thomas blies die Backen auf und pustete ihm ein paar feuchte Strähnen aus der Stirn. Im Moment ritt ihn einfach der reine Übermut. “Na und? Dann mach ich dir halt den Föhn!”

Überrascht lachte Fady auf, aber gleichzeitig schimmerte es ganz deutlich in seinen Augen, und im nächsten Moment war er Thomas schon um den Hals gefallen. Als hätte in diesem Augenblick sowas wie ’ne natürliche Schwerkraft zwischen ihnen eingesetzt, die über kurz oder lang alles wieder an den richtigen Platz rücken würde. Thomas schlang einen Arm um seine Schultern, den anderen um seine Taille und zog Fady an sich.

“Mann, ich bin so unglaublich froh, dich wiederzuhaben!” Er senkte den Kopf und presste seine Lippen an Fadys warme Haut, wo der Bademantel noch etwas von seiner Schulter freigab.

“Es ist wirklich so... unglaublich!” flüsterte Fady, als könnte er seiner Stimme nicht trauen. Seine Finger streiften ruhelos durch Thomas’ Haare. “Und ich weiß gar nicht... wie ich habe das ausgehalten... die letzte Tage ohne dich.”

“Mmm. Is’ ja nun vorbei,” murmelte Thomas.

Fadys andere Hand umklammerte seine Schulter. “Aber ich habe das so schwierig für dich gemacht, und das tut mir –”

“Nee, stopp mal.” Thomas drehte den Kopf und sah ihm in die Augen. Fast kam’s ihm vor, als könnte er da eine Spur dieser tiefschwarzen Verzweiflung erkennen, die hoffentlich bald nur noch ’ne Erinnerung war. “Fady, mir is’ doch völlig klar, wie schwierig das für dich war. Und das trifft mich dann halt auch, das tut’s sowieso. Davor kannste mich gar nicht schützen.”

“Nein, nur...” Fady senkte kurz den Blick. Um seinen Mund bildeten sich zwei harte Spannungslinien. “Ich muss das noch lernen.”

“Damit haste aber schon echte Fortschritte gemacht.” Thomas schlug bewusst einen lockeren Ton an und wartete, bis Fady ihn wieder ansah. “Mehr erwart ich doch gar nicht.”

Fady schüttelte leicht den Kopf, wobei das eher so wirkte, als wollte er damit irgendeinen Gedanken aus der Reserve locken. “Weißt du, das ist so...” Seine Finger krampften sich an Thomas’ Schulter zusammen, als er nach Worten suchte. “Als wie ich sehe das vor mir – wie ich sein soll... nur ich schaffe das nicht.”

Nur knapp würgte Thomas den Protest ab, der ihm sofort durch den Kopf schoss. Letztlich traf das ja ziemlich genau den Kern des Problems und ließ sich nicht so einfach abtun. Und mit einem Mal hatte er ’n Bild vor Augen, gestochen scharf – wie Fady den Strand entlangrannte, schneller und schneller, als müsste er sich selbst einholen.

“Fady...” Thomas strich ihm sanft über den Rücken. “Kann ja sein, dass es dir die meiste Zeit so vorkommt...” Und was das für’n mörderischer Stress war, davon hatte er jetzt immerhin eine Ahnung. “Aber stell dir doch mal vor, es gibt ’n Ort, wo das alles gar keine Rolle mehr spielt.” Das klang vielleicht etwas komisch, aber Fady sah ihn so forschend an, dass er einfach weiterredete. “Wo du gar nichts besonderes sein musst. Und da kannst du einfach hinkommen, um zu leben.”

“So wie hier?” In Fadys Gesicht war’s jetzt ganz still geworden.

“Zum Beispiel,” sagte Thomas leise. “Eigentlich musst du ja nur drauf vertrauen, dass es geht.”

“Ich weiß.” Fady lockerte seinen Griff und zog mit den Fingern eine unsichere Linie über Thomas’ Schulter. “Aber manchmal... ich vergesse das.”

“Dann werd ich dich halt dran erinnern.” Thomas beugte sich vor, um Fadys Mund kurz mit seinem zu berühren.

“Bestimmt das musst du öfter noch machen.” Für’n Moment hing Fadys Blick noch an seinen Lippen. Er lächelte etwas nervös. “Also – das auch!”

“Kein Problem,” flüsterte Thomas und senkte seinen Mund gleich wieder auf Fadys, ein bisschen länger diesmal. “Und jetzt lass ich dich auch so schnell nicht wieder los.”

Fady schlang die Finger fest um seinen Nacken. “Meinst du vielleicht, ich will das?”

“Tja, keine Ahnung...” Thomas grinste erleichtert, weil plötzlich was vollkommen anderes in Fadys Blick lag. “Ich kann ja nicht in deinen Kopf reinsehen.”

“Dann pass mal auf...” Fadys Atem streifte dabei schon sein Kinn, und dann lehnte er sich vor, um Thomas so weich und innig zu küssen, als würd’ gar nichts anderes mehr zählen. Da lag auch ein Lächeln mit drin, das die ganze Anspannung weit hinter sich ließ.

Thomas schloss die Augen, jeder Gedanke verschwamm unter dem sanften Druck von Fadys Mund an seinem. Und von einem Moment zum anderen klopfte ihm das Herz bis zum Hals, weil er einfach spüren konnte, dass Fady endlich ganz bei ihm war. Jeder Atemzug, jede Bewegung seiner Lippen und seiner Hände, die eilig über Thomas’ Rücken strichen, war nur noch darauf konzentriert, das letzte bisschen Abstand zum verschwinden zu bringen.

Klar, sie hatten noch ’ne Menge Probleme zu beackern, und in den nächsten Tagen mussten sie irgendwie ein paar konkrete Lösungen zustandebringen. Aber im Moment war was anderes viel wichtiger. Dieser gemeinsame Grundton, der sich zwischen ihnen einspielte, sich so unwiderstehlich ausbreitete, dass es seinen gesamten Brustkorb spannte. Als Fadys Zunge zwischen seine Lippen glitt, kribbelte es Thomas gleich elektrisch durch sämtliche Nerven. Der reinste Überschwang.

Und je länger das andauerte, desto weiter reichte diese unbändige Sehnsucht, die irgendwie alle Grenzen verwischte. Wie Träumen und Wachsein zugleich war das. Er schob eine Hand um Fadys Nacken, hielt ihn fest, während Fadys Zunge mit seiner spielte. So fordernd, dass ihm fast die Luft wegblieb.

“Fady...” Thomas strich mit dem Daumen über seine erhitzte Wange. Fing einen Blick von ihm auf, der ihm durch und durch ging. “Also wenn du dich jetzt sehen könntest,” murmelte er, “dann... würd’st du auch ganz genau wissen, warum du mich so verdammt glücklich machst.”

Das ergab rein logisch keinen echten Sinn, aber das Wesentliche war wohl trotzdem bei Fady angekommen. Jedenfalls röteten sich seine Wangen gleich noch ’n bisschen mehr, und er atmete heftig ein, bevor er ein Wort rausbrachte. “Ich bin aber... also bestimmt... jetzt genauso glücklich.” Sein Lächeln strahlte dermaßen auf, dass Thomas keinerlei Zweifel dran hatte. “Nur ich kann schon gar nicht mehr klar denken!”

Thomas beugte sich vor und flüsterte dicht an seinem Mund: “Musst du ja auch nicht...”

Der nächste Kuss fiel gleich noch leidenschaftlicher aus, Fadys Hände umspannten seine Hüften, während sein Atem schon ziemlich flach ging. Immer enger pressten sie sich aneinander, bis Thomas das Gefühl hatte, als käm bei ihm mitten im Leib ’ne Stromleitung ins Glühen. Seine Finger glitten an Fadys Kehle nach unten, am Kragen seines Bademantels entlang, schoben den weichen Stoff sanft auseinander. Ein gedämpfter Ton löste sich aus Fadys Kehle, und an seinen Fingerspitzen konnte Thomas spüren, wie sich ’ne leichte Gänsehaut an Fadys Brust ausbreitete.

Jeder Moment stand jetzt ganz für sich, als gäb’s keine Zukunft und keine Vergangenheit. Nur noch den Takt von Fadys Herzschlag unter seiner Handfläche, den Geruch seiner Haut und lauter Wünsche, die ganz selbstverständlich die Führung übernahmen.

“Thomas...” Fadys Stimme klang etwas heiser. “Jetzt komm...”

Das Doppelbett war keine zwei Schritte entfernt, allerdings hatte Thomas auch so einiges an Klamotten drauf ausgestreut. Bevor er aber dran denken konnte, irgendwas beiseite zu räumen, hatte Fady ihn schon bis zur Bettkante geschoben. Dieses dunkle Flackern in seinen Augen genügte auch völlig, um Thomas einen Wärmeschauer die Wirbelsäule runterzujagen.

Im nächsten Moment fand er sich auf dem Rücken wieder, Fady war über ihm und lachte atemlos. Thomas zog beide Arme eng um seine Hüften zusammen. “Und jetzt?”

“Jetzt,” murmelte Fady, während seine Hände zielstrebig unter Thomas’ Hemd wanderten, “ich zeige dir mal ganz genau, wie sehr du mir gefehlt hast...”

* * *