?

Log in

Unknown Waters – part 10.2
by cara_la_mia (cara_la_mia)
at 7. November 2009 (20:16)

Title Unknown Waters              
Part: 10.2/?    
Pairing: Tom/Fady    
Rating: R         
Language: German    
Summary: “You let me dive in unknown waters, I close my eyes, I learn to see...”  
Disclaimer: Thomas und Fady gehören nur sich selbst; ich habe keine Ahnung von ihrem Liebesleben und möchte mit meiner Story auch niemandem zu nahe treten. Wie jedem, der die Medien verfolgt, sicher sofort auffällt, handelt es sich hier um ein Alternate Universe, in dem meine Fantasie gern lange Spaziergänge unternimmt.

Und zuletzt: vielen lieben Dank an bm_shipper, meine geduldige Beta-Leserin, die mir geholfen und mich ermutigt hat. :)

Unknown Waters

Thomas öffnete die Augen und sah erstmal gar nichts. Allerdings spürte er im gleichen Augenblick Fadys Körperwärme, das ruhige Auf und Ab seines Brustkorbs – und was bei ihm für’n Moment aus dem Takt geraten war, sackte gleich wieder beruhigt in sich zusammen. Eigentlich kam’s ihm auch gar nicht so vor, als wär er lange weg gewesen – sie lagen beide noch genauso da wie vorhin, verschwitzt und verklebt unter der eilig hochgezogenen Decke, weil durch die offenen Fenster ein ziemlich kühler Luftzug reinwehte. Nur war’s mittlerweile stockfinster.

Und wenn. Er lag hier total entspannt in Fadys Armen, sie waren endlich wieder zusammen und fürs Erste würd’ sie auch niemand stören. Da wollte Thomas gar nichts anderes, als gleich nochmal in der Erinnerung abtauchen, die ihm über Brust und Bauch und von da aus bis tief ins Becken prickelte. Als hätten Fadys Hände und Lippen ’ne dauerhafte Spur hinterlassen. Fady hatte auch wirklich alles drangesetzt, sein Versprechen wahrzumachen – so lange und gründlich wie sie’s beide nach all der Zeit noch aushalten konnten. Und wer am Schluss ungeduldiger gewesen war, konnte Thomas jetzt nicht mehr sagen. Nur dass es sich angefühlt hatte, als wär dabei jeder Hauch von Winter aus seinen Knochen geschmolzen.

Haste was anderes erwartet? Thomas lächelte in sich hinein und drehte den Kopf, bis seine Lippen Fadys Brust streiften, knapp unterm Schlüsselbein. Als er hochsah, konnte er selbst in der Dunkelheit erkennen, dass Fady die Augen geöffnet hatte.

“Hey,” murmelte er und fragte sich zwangsläufig, ob Fady mal wieder neben ihm wachgelegen hatte, während er einfach weggedöst war. “Wie... wie spät isses denn jetzt?”

“Ich weiß nicht genau...” Fadys Stimme klang jedenfalls kein bisschen schläfrig. “Aber wahrscheinlich... nicht mehr so lang bis zu Mitternacht.”

Thomas musste ’n Moment nachdenken, bis es klick in seinem Kopf machte. Klar, heute war Silvester – und sie konnten zusammen ins neue Jahr reinfeiern – nur war dieser Gedanke im Trubel der letzten zwei Tage nahezu untergegangen. Er stützte sich auf dem Ellenbogen hoch. “Und was wolln wir mit dem Rest von 2008 anfangen?”

“Ich weiß nicht.” Fady deutete ein Schulterzucken an.

Trotzdem konnte Thomas spüren, wie ihm ’ne leichte Anspannung durch den Körper kroch, als müsste er sich gleich wieder ’ner akuten Krise stellen.

“Na, dann überleg doch einfach mal, was du jetzt am liebsten machen würdest,” schlug er vor, “und dann... machen wir das spontan.” Immerhin konnte er Fadys knappes Lächeln gerade so ahnen.

“Hmm... also ich glaube –” Fady bewegte die Finger ziellos über Thomas’ Rücken. “– am liebsten ich würde jetzt mit dir runter zum Meer gehen.”

“Da bin ich dabei!” sagte Thomas sofort. “Nur isses wahrscheinlich zu weit zum Laufen, aber wir können ja das Auto nehmen.”

“Wirklich, wollen wir das machen?” Klang auch ganz danach, als wäre Fady schon drauf und dran, aus dem Bett zu springen.

“Ja, klar.” Thomas beugte sich vor und streichelte sacht über sein Gesicht. Da war nun definitiv ein Lächeln zu ertasten. “Pass mal auf, ich stell mich nur kurz unter die Dusche, dann kannst du ins Bad und ich besorg inzwischen die Straßenkarte.”

Er setzte sich auf und strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht. Bevor er allerdings ernsthafte Anstalten machen konnte, sich vom Bett runter zu bewegen, schlang ihm Fady von hinten einen Arm um die Brust und küsste ihn in den Nacken. Thomas lehnte sich zurück und atmete bis tief in den Bauch. Alles wird gut. Muss einfach.

 

Als er ’ne Weile später den Motor anließ, zeigte die Uhr auf dem Armaturenbrett 22:59. Blieb also noch fast eine Stunde bis Mitternacht. Bis 2009. Neben ihm schnallte sich Fady an und entfaltete mit der anderen Hand schon die Straßenkarte. Hannes musste sie irgendwann selbst gezeichnet haben, und mit Sicherheit würden sie die brauchen, um im Stockdunklen noch den Weg bis zur Küste zu finden.

Thomas legte den Kopf schräg, um einen letzten Blick drauf zu werfen. “Ich würd sagen, wir nehmen die Straße hier...” Er tippte auf eine geschlängelte Linie. “Dann kommen wir etwas oberhalb von Acharavi raus und ham das Meer hoffentlich ganz für uns.”

Feuerwerk zu Silvester war in Griechenland zwar anscheinend nicht üblich, aber bei diesen lauen Temperaturen würden vermutlich ’ne Menge Leute am Strand feiern wollen.

“Okay.” Fady studierte die Strecke eingehend. “Ich werde dich führen. Let’s go!”

Thomas grinste. “Jawoll.”

Allerdings war bei dieser schmalen und holprigen Bergroute volle Konzentration gefragt. Nach den ersten hundert Metern tauchte die Straße gleich wieder zwischen Olivenbäumen ab, und bei der ein oder anderen engen Kurve musste Thomas hart bremsen, um sie nicht vor den nächsten Baum zu setzen. Dann packte Fady ihn mit einem Mal am Arm. “Da, schau mal!”

Thomas kniff die Augen zusammen. Ein Stück vor ihnen glitzerte es vage in der Dunkelheit. Konnte ja nur das Meer sein.

“Diese Straße macht bald eine Knick...” Fady hielt die Karte dicht ans Fenster, um überhaupt noch was erkennen zu können. “Ich glaube, da müssen wir dann parken, weil sonst es geht wieder weg von der Küste.”

“Na, das letzte Stück schaffen wir auch zu Fuß.” Thomas bremste vor der Kurve ab. Direkt dahinter verbreiterte sich die Straße, heller Sand leuchtete im Scheinwerferlicht auf. Er seufzte erleichtert, als er den Ford schließlich zum Stehen gebracht hatte, und warf einen letzten Blick zur Uhr. Noch ’ne halbe Stunde bis Mitternacht.

“Es ist gar nicht mehr weit.” Als Fady aus dem Auto sprang, machte er ganz den Eindruck, als wollte er den Rest der Strecke rennen. “Da rüber, hinter diese Bäume muss schon der Strand sein.”

Zuerst wurd’s allerdings noch mal richtig finster, weil hier lauter Kiefern oder sonstwelche Nadelbäume wuchsen. Aber dahinter zeigte sich ein hellerer Streifen, auf den sie nur noch zuhalten mussten, ohne über eine der freiliegenden Baumwurzeln zu stolpern. Die Luft roch harzig und eindeutig nach Meer. Instinktiv streckte Thomas eine Hand aus – und lächelte, als Fady sie sofort ergriff. Der Boden fiel zur Küste hin etwas ab, aber es dauerte gar nicht lange, bis sich das Kiefernwäldchen wieder lichtete und sie ins Freie raustreten konnten.

Beide blieben sie abrupt stehen. Sandstrand, ’ne dunkle Wasserfläche und darüber der Sternenhimmel – mehr gab’s gar nicht zu sehen. Trotzdem war’s einfach gewaltig.

“Das is’ ja der Wahnsinn,” murmelte Thomas.

Fady umklammerte seine Hand und sagte erstmal gar nichts. Ein kühler Wind fuhr ihnen durch die Haare. Nur Wellenrauschen war zu hören, das irgendwie von überallher kam.

“Ich hab noch nie so viel Sterne gesehen auf einmal,” flüsterte Fady.

“Echt nicht? Auch nicht im Libanon?”

Wie in Trance schüttelte Fady den Kopf. “In Beirut da sind immer so viel Lichter von der Stadt...”

Thomas legte den Kopf in den Nacken. Angeblich fühlte man sich bei so ’nem Anblick ja ganz klein und nichtig, weil einem halt bewusst wurde, wie unendlich groß der Kosmos war – aber so kam’s ihm jetzt überhaupt nicht vor. Eher schon so, als wär plötzlich viel mehr Platz da. Mehr Luft, mehr Klang, mehr von allem. Und der Himmel war derart voll mit Licht, dass er beinah das Gefühl hatte, als würde er’s mit einatmen.

Schließlich zog ihn Fady sanft vorwärts. “Lass uns mal weitergehen.”

Bereitwillig setzte sich Thomas in Bewegung. Als er einen Blick nach links warf, konnte er in ziemlicher Entfernung einen flackernden Lichtschein erkennen – sah nach Lagerfeuer aus. In der Richtung musste ja auch Acharavi liegen, aber wenn da irgendwer ’ne Strandparty feierte, drang kein Ton davon bis zu ihnen vor.

Fady stoppte ein paar Schritte vor der Wasserlinie ab und ließ sich einfach rückwärts in den Sand fallen. “Ich glaube, ich möchte die ganze Nacht hier bleiben.”

“Na, von mir aus!” Thomas grinste und streckte sich neben ihm aus. “Wird nur auf Dauer vielleicht etwas ungemütlich.” Weich war der Sand zwar, aber auch ziemlich kalt, das konnte er schon nach ’n paar Sekunden durch seine Jacke hindurch spüren. Er stützte sich auf den Ellenbogen ab und beobachtete die Wellen, die sich weiß schimmernd am Strand brachen. Weiter draußen waren tanzende Schaumkronen zu erkennen, und dazwischen spiegelten sich die Sterne.

Nach einer Weile setzte Fady sich auf und zog die Knie an. “Also hier... das ist wirklich ein perfekte Ort. Findest du nicht?”

“Doch.” Thomas sah ihn von der Seite an. “Aber wenn du mich fragst... vor allem deswegen, weil wir zusammen hier sind.”

Fady warf ihm einen kurzen Blick zu, den er nicht so richtig deuten konnte. Wahrscheinlich ging ihm jetzt schon wieder alles mögliche durch den Kopf – jedenfalls wirkte seine Haltung irgendwie, als müsste er ’ne innere Unruhe bändigen.

Langsam schob sich Thomas neben ihm hoch. Etwas Sand rieselte aus seinen Haaren in seinen Kragen. Er wartete noch ’n bisschen ab, nur bekam er zunehmend den Eindruck, als würde Fady sich immer mehr in seinen Gedanken verlieren, statt was davon auszusprechen. Vorhin war er ja einigermaßen zur Ruhe gekommen, aber sowas konnte momentan wohl einfach nicht vorhalten. Thomas berührte ihn sacht am Arm. “Verrat mir doch mal, was du grad so denkst.”

Fady zuckte mit den Schultern, da lag ’ne deutliche Anspannung mit drin. “Ich hab mich nur gefragt, warum ich mache eigentlich immer wieder dieselbe Fehler.”

“Was denn für Fehler?”

“Deswegen wir sind doch nur hier.” Fady wedelte etwas hilflos mit der Hand. “Weil ich konnte nicht mal mich entscheiden, ob ich dich bei mir haben will... oder lieber allein bleiben und mich quälen mit diese Geschichte.”

“Übertreibste da nicht ’n bisschen?” Thomas schüttelte den Kopf. “Schließlich hat’s ja gar nicht lang gedauert, und unter solchen Umständen würd’s doch jedem schwerfallen, ’n klaren Kopf zu behalten.” Über diese elenden Umstände würden sie später eh noch reden müssen, aber im Moment wollte er nur rausfinden, was bei Fady derart rumorte. Alles andere konnte gut und gerne bis zum neuen Jahr warten.

“Aber mir passiert das ja nicht die erste Mal.” Mit einer ungeduldigen Bewegung fuhr sich Fady über die Haare. “Wirklich, ich war so eine Idiot!”

“Ach Quatsch!”

“Nein, das stimmt,” sagte Fady entschieden. “Wenn es kommt so eine schwierige Situation, ich habe immer diese... Drang, alles wegzuschmeißen und ein ganz neue Anfang zu machen.” Er wandte den Kopf und sah Thomas direkt an. “Das ist so... als wie ich dann auch ein andere Mensch sein könnte.”

Thomas zog die Schultern hoch und versuchte, sich das vorzustellen. Das eigene Leben zurückzulassen wie ’ne abgetragene Hülle. “Haste ja auch öfter schon gemacht – also, so’n kompletten Neustart hingelegt.”

“Zumindest ich habe das versucht. Als ich nach Frankreich gekommen bin. Oder später nach Deutschland.”

“Und ich hab dich immer dafür bewundert, wie du das schaffst,” gab Thomas sofort zurück.

Zweifelnd schaute Fady ihn an und schlang beide Hände um seine Knie. “Aber es ist schon auch... wie eine Flucht, immer von ein Ort zu dem anderen.”

“Wovor denn?” fragte Thomas leise. “Vor dir selber?”     

“Vielleicht.” Fady beugte sich vor und sah aufs Meer raus, wo’s überall so ruhelos glänzte und funkelte. Eine Zeit lang war er still. “Also, eins ich weiß jetzt,” sagte er schließlich. “Es muss auch was geben, das bleibt.”

Thomas griff nach seiner Hand. Und in dem Augenblick, als Fadys Finger sich um seine schlossen, stellte sich plötzlich so ’ne Klarheit ein, als hätte sich dieses ganze zerstreute Sternenlicht an einem einzigen Punkt konzentriert. Genau hier.

“Thomas...” Fady streichelte über seine Fingerknöchel. “Ich danke dir... für deine Geduld – und dass wir hergekommen sind. Ohne dich, ich wäre jetzt immer noch so gefangen zwischen diese Widerspruch... mich verstecken oder wegrennen.”

Ausnahmsweise widersprach ihm Thomas diesmal nicht. Er ließ seine Finger zwischen Fadys gleiten. “Musst du aber beides nicht.”

“Naja...” Fady senkte den Kopf. So einfach, wie sich das aussprechen ließ, würd’s natürlich nicht werden, wenn sie erstmal wieder nach Hause kamen. Aber zumindest für den Moment sah’s so aus, als wär dieser Druck von ihm abgefallen. “Nicht von dir.”

“Das is’ aber doch ’n guter Anfang, oder?” Thomas streckte die Beine durch. Er fühlte sich grad so wohl in seiner Haut wie seit der Tour nicht mehr.

“Allerdings.” Fady lächelte. “À propos Anfang... was meinst du, wie lange ist das noch bis Mitternacht?”

“Keine Ahnung, paar Minuten vielleicht?” Automatisch warf Thomas einen Blick auf sein Handgelenk – nur hatte er seine Armbanduhr bei ihrem eiligen Aufbruch vorhin komplett vergessen. Wahrscheinlich lag die irgendwo zwischen ihren verstreuten Klamotten auf dem Bett oder dem Fußboden.

Fady ließ seine Hand los, sprang auf und klopfte sich den Sand von der Hose. “Also dann es wird Zeit!”

“Ja? Wofür denn?” Während Thomas etwas langsamer auf die Füße kam, wanderte Fady schon zielstrebig zum Wasser runter.

“Die neue Jahr zu begrüßen,” rief er Thomas über die Schulter zu und machte erst wieder Halt, als ihm die vordersten Wellen schon beinah über die Schuhe liefen.

Wie auch immer er sich das vorstellte. Thomas schlenderte hinterher und blieb einen Schritt hinter ihm stehen. Der Anblick hatte was unwirkliches – Fadys Silhouette wie’n bloßer Schattenriss vor all diesem Glitzern und Blinken, zwischen Himmel und Meer – aber gleichzeitig war’s auch irgendwie hyperreal.

Thomas atmete die salzige Luft bis tief in seine Lunge. An seinen Fußsohlen konnte er den Wellenschlag am Strand fühlen, immer klarer und eindringlicher, wie’n ganz hypnotischen Rhythmus. Er wippte leicht auf den Zehenballen. “Hey, wie wär’s wenn wir was singen? Mir is’ grad so danach.”

“Was?” Überrascht drehte Fady den Kopf. “Hier?”

Thomas zuckte die Achseln. “Warum denn nicht, hört uns doch keiner.”

“Und was – was willst du singen?”

“Hmm, lass mal überlegen.” Aber noch während er das sagte, war’s ihm auch schon klar. Thomas holte tief Luft, dabei formte sich wie von selbst ein erster Summton in seiner Kehle. And now, the end is near...” Passte auch perfekt zum Jahresende. Er brach wieder ab. “Das kannste doch bestimmt noch!”

“Ja, sicher.” Fady legte den Kopf zur Seite, fand diese Idee vielleicht immer noch ’n bisschen sonderbar. “Obwohl ich hab das nicht mehr gesungen seit damals.”

“Und ich erst recht nicht.” Thomas grinste schief, weil ihm zwangsläufig sein fürchterlicher Texthänger wieder einfiel, damals beim DSDS-Finale. “Ohne dich würd’ ich mich da sowieso nie wieder drantrauen.”

“Na, dann!” Fady breitete die Hände aus. Und Thomas legte einfach los.

And now, the end is near,        
and so I face the final curtain...

Schon bei den ersten Silben setzte Fady mit ein, traf seine Tonhöhe so exakt, dass sich ihre Stimmen spielend mischten und ein einziger perfekter Klang draus wurde.

My friend, I’ll say it clear,         
I’ll state my case, of which I’m certain...

Und dabei hatte Thomas vor Augen, wie ihn Fady damals angestrahlt hatte – genau an dieser Stelle – als hätte sich grad ’n echter Wunschtraum erfüllt. Unwillkürlich bewegte sich Thomas nach vorn, bis er dicht hinter ihm stand. Legte beide Hände an Fadys Seiten, wo er an den untersten Rippen seinen Atem spüren konnte, und wie sich die Töne da so mühelos formten. Ohne auch nur kurz abzusetzen, lächelte ihm Fady über die Schulter zu. Mittlerweile waren sie laut genug, um die Brandung locker zu übertönen.

I’ve lived a life that’s full,           
I’ve traveled each and every highway,
and more, much more than this,           
I did it my way...

Mit jeder Strophe gewann Fadys Stimme an Kraft, bis er schließlich einen Schritt vorwärts machte – als würd’ ihn der bloße Klang vorantreiben – und dann noch einen. Knöcheltief stand er im Wasser, die Gischt sprühte ihm um die Beine. Thomas ließ die Hände sinken. Aber irgendwie hatte er trotzdem nicht das Gefühl, als wär die Verbindung jetzt unterbrochen. Fadys Stimme schloss ihn mit ein und klang in seinem Brustraum nach, war ihm fast näher als seine eigene. Und die Wahnsinnspower, die da drin lag, jagte ihm eine Gänsehaut über Rücken und Arme.

...but through it all, when there was doubt,   
I ate it up and spit it out.
I faced it all and I stood tall       
and did it my way.

My way – Frage und Antwort, ein Echo am anderen. Bis sich ihre Stimmen ein letztes Mal trafen und den Schlusston so lang rauszogen, wie die Luft nur irgend reichte. Fady warf den Kopf zurück, ließ einen Jubelschrei los, der etwa zwei Oktaven höher lag, und streckte die Arme aus – und dann war von weit weg ein tiefer Hornton zu hören, der übers Wasser kam, wahrscheinlich von irgendeinem Schiff da draußen. Besser konnte man das neue Jahr kaum einläuten, sagte sich Thomas. Jetzt war’s definitiv Mitternacht.

Er wollte grad den Mund aufmachen, da fuhr Fady schon herum und stürzte sich übergangslos in seine Arme. So schnell, dass Thomas gar keine Chance hatte, das Gleichgewicht zu halten, und sie beide zusammen im Sand landeten – Fady mehr oder weniger auf ihm.

“Autsch!” entfuhr es Thomas, als ihm der Aufprall durchs Rückgrat dröhnte, aber Fady schob sich nur noch weiter über ihn.

“Sorry!” Fady lachte völlig unbekümmert und küsste ihn aufs Kinn. “Happy new year...”

Thomas kam gar nicht dazu, darauf noch was zu antworten, weil Fady ihn gleich wieder küsste, und diesmal richtig. Da war’s auch absolut kein Wunder, dass sein Herzschlag aus dem Takt geriet. Erst dieser kühle Anflug von Salzgeschmack und gleich darauf soviel verführerische Wärme, als sich Fadys Mund an seinem öffnete. Benommen hielt sich Thomas an seinen Schultern fest, und es dauerte noch ’ne ganze Weile, bis ihm Fady eine Atempause gönnte.

“Frohes neues,” murmelte Thomas. Aber das war jetzt schon Fakt, nicht bloß ’n Wunsch. Dazu brauchte er Fady bloß anzusehen.

“Mmm...” machte Fady und hatte plötzlich so’n verschmitzten Blick drauf. “Also eigentlich... ich hätte Lust jetzt auf ein bisschen Strandjogging. Nur ein Kilometer oder zwei...”

“Nix da!” Im Reflex schlang Thomas einen Arm eng um seine Taille und rollte sich mit ihm herum. “Hiergeblieben,” brummte er und beugte sich zu Fady runter, um das mit einem Kuss zu bekräftigen.

Klar wollte ihn Fady jetzt nur aufziehen, aber nachgeben konnte er natürlich auch nicht so einfach. Schon im nächsten Moment hatte er sich mit einem Ruck aus Thomas’ Klammergriff befreit und ihn wieder auf den Rücken geworfen. “Na, sieh mal zu, ob du mich halten kannst...”

Noch dazu setzte er ganz unfaire Mittel ein, indem er Thomas an einer besonders empfindlichen Stelle in die Seite kniff. Was letztlich dazu führte, dass sie sich im Sand umeinander balgten wie zwei junge Hunde, bis sie völlig außer Atem waren.

Thomas ließ sich auf den Rücken fallen und sah zu den Sternen rauf. Ringsrum rauschte das Meer, und irgendwie war alles eins. Dieser tiefe Wellenton, die Wärme, die ihm unablässig durch den Körper strömte, und Fady dicht an seiner Seite.

“So ist das gut.” Fady streckte einen Arm über seine Brust und seufzte tief. “Ich glaube ich geh hier nicht mehr weg.”

“Ich auch nicht.” Thomas zog ihn etwas näher an sich. Mittlerweile hatten sie allerdings jede Menge Sand in den Haaren und Klamotten. Vernünftig war das nicht. “Aber du musst doch total nasse Füße haben. Und früher oder später kommt die Flut.”

Fady hob den Kopf, um ihm die Augen zu sehen. “Und was kommt dann?”

Direkt hinter seinem linken Ohr blitzte ein Stern. Thomas strich ihm eine sandverklebte Strähne von der Schläfe weg. “Weißt du doch... Wellenreiten bis zum Horizont.”

* * *