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Unknown Waters – part 10.3
by cara_la_mia (cara_la_mia)
at 7. November 2009 (20:29)

Title Unknown Waters              
Part: 10.3/?    
Pairing: Tom/Fady    
Rating: R         
Language: German    
Summary: “You let me dive in unknown waters, I close my eyes, I learn to see...”  
Disclaimer: Thomas und Fady gehören nur sich selbst; ich habe keine Ahnung von ihrem Liebesleben und möchte mit meiner Story auch niemandem zu nahe treten. Wie jedem, der die Medien verfolgt, sicher sofort auffällt, handelt es sich hier um ein Alternate Universe, in dem meine Fantasie gern lange Spaziergänge unternimmt.

Und zuletzt: vielen lieben Dank an bm_shipper, meine geduldige Beta-Leserin, die mir geholfen und mich ermutigt hat. :)


Unknown Waters

Ein warmer Luftzug kribbelte an seinem Hals. Thomas schnaufte und drehte sich auf die andere Seite. Bloß sickerte jetzt ’n ziemlich grelles Licht durch seine Augenlider, und gleichzeitig kitzelte ihn was am Ohrläppchen. Er hob träge eine Hand, um das irgendwie wegzuwischen, aber im nächsten Moment wurden seine Finger festgehalten.

“Kein Chance, du stehst jetzt auf!” So’n Kommando ließ sich schlecht ignorieren – besonders wenn’s einem direkt ins Ohr geraunt wurde. Vorsichtig blinzelte Thomas ins Helle. Fadys Kopf schob sich von oben in sein Blickfeld. “Na, endlich!”

“Was heißt’n hier–?” nuschelte Thomas. Nur hatte sich Fady augenblicklich über ihn gebeugt, um ihm mit einem stürmischen Kuss den Mund zu verschließen, und diese Weckmethode gefiel Thomas um einiges besser. Allerdings hatte er kaum eine Hand zu Fady hochgestreckt, als der sich mit ’ner raschen Bewegung von ihm wegduckte und zur Seite schob.

“Los! Ich kann nicht mehr warten.” Statt ihn weiter auf die sanfte Tour wach zu machen, zog ihm Fady gnadenlos die Bettdecke weg.

“Hey...” brummelte Thomas und rieb sich über die Stirn. “Wie spät ham wir’s denn?” Hinter den offenen Fenstern war nichts zu sehen als blauer Himmel. Ein breiter Streifen Sonnenlicht fiel quer über seine nackten Beine.

“Gleich zehn!” Fady sagte das in ’nem Tonfall, als wär’s obszön, um die Zeit noch im Bett zu liegen.

Oh bonsai – oder wie das heißt... da hätt ich ja fast den ganzen Tag verpennt.” Grinsend streckte Thomas die Arme über den Kopf, wobei ihm allmählich auch diverse Erinnerungen an die letzte Nacht dämmerten. Ziemlich versandet waren sie spätnachts vom Meer zurückgekommen und hatten sich beim Waschen aufs Nötigste beschränkt, bevor sie erschöpft ins Bett gefallen waren...

“Ich versteh auch gar nicht, wovon du bist so müde,” sagte Fady ganz unschuldig. In Shorts und T-Shirt wippte er auf der Bettkante rum, als hätte er mit ’nem gewaltigen Energieüberschuss zu kämpfen.

“Jetzt tu mal nicht so...” Versonnen ließ Thomas den Blick über Fadys gebräunte Arme wandern. Irgendwas hatte ihn schon in der Morgendämmerung aus dem Schlaf geholt – vielleicht einfach nur das atemberaubende Gefühl von Fadys warmer Haut an seiner eigenen – und sofort waren seine Hände dabei gewesen, dem ganz auf den Grund zu gehen. “Heute früh musst ich dich doch wachmachen... und du hast erst ziemlich rumgequengelt.”

“Ich? Aber nicht lange!” Fady lachte. “Und dann ich war sehr wach, oder?”

“Mhmm, von null auf hundert wär noch ’ne Untertreibung.” Thomas streckte eine Hand aus und berührte ihn leicht am Knie. “Und warum bist du jetzt so ungeduldig?”

“Na, ich will dir deine Weihnachtsgeschenk geben!” Fady klopfte auf die Matratze und kam mit Schwung auf die Füße. “Ich bin so neugierig, wie dir das gefällt. Kann ich jetzt?”

“Klar. Immer her damit!” Thomas lächelte unwillkürlich. Bei soviel ungebremster Vorfreude musste einem doch das Herz aufgehen. Während Fady sich nun vor seinen geöffneten Koffer hockte, fischte Thomas seine Shorts vom Fußboden und zog sie über.

“Mach die Augen zu, okay?” Fady warf ihm einen schnellen Blick über die Schulter zu und wirkte richtig aufgeregt. “Nicht kucken bis ich dir sage!”

Brav ließ Thomas die Augen zufallen. Erst raschelte es ganz leicht, der Boden knarrte unter Fadys Schritten, und dann sackte die Matratze nach unten, als sich Fady neben ihn setzte. Über Thomas’ Schultern und Rücken fiel weicher Stoff.

Mit beiden Händen strich Fady ihn glatt. “Jetzt!”

Neugierig sah Thomas an sich runter. Fady hatte ihm ein Hemd um die Schultern gehängt. Definitiv ein selbst entworfenes – aus dem satten Indigoblau schimmerten silbrige Linien, die sich soweit er’s erkennen konnte über Brust und Rücken zogen.

“Ich hab das machen lassen nach deine Maße und dann bemalt,” erklärte Fady. “Also ich hoffe, das passt auch!”

“Bestimmt!” Thomas streifte das Hemd über und schloss die Knöpfe. “Sitzt wie angegossen.”

“Das ist auch ein besonders feine Alpaka-Gewebe, ganz leicht...” Fady zupfte ihm den Kragen zurecht, war jetzt ganz in seinem Element. “Komm, du musst dir das ansehen!” Er griff nach Thomas’ Hand, zog ihn eilig zu sich hoch und rüber zum Kleiderschrank.

Auf der Innenseite der Tür hing ein etwas fleckiger Spiegel. Trotzdem war noch genug drin zu sehen, dass Thomas erstmal der Mund offen stehenblieb. “Also, das is’ ja wirklich...”

“Wow!” Fady strahlte, als hätte er grad ’n Preis gewonnen. “Dreh dich mal um.”

Über seine Schulter weg konnte Thomas dann auch erkennen, dass diese geschwungenen Linien ein ganz spezielles Muster ergaben, sich von seinen Schulterblättern weg ausspannten und um seine Rippen zogen – beinah wie zusammengelegte Flügel. Aber noch mehr war’s wie ’ne sichtbare Spur von Fadys Berührung an seiner Haut.

“Fady, das is’ echt... wunderschön.” Er drehte sich langsam wieder zum Spiegel, kämmte sich mit allen zehn Fingern die strubbeligen Haare aus dem Gesicht und ließ die Arme sinken. Obwohl’s ja bloß ein Hemd war, kam er sich irgendwie anders vor, wenn er sich jetzt so anschaute.

“Gefällt dir das?” Von hinten legte Fady die Hände an seine Hüften.

“Gefallen ist gar kein Ausdruck!” Thomas wandte sich zu ihm um. Das selbe galt allerdings auch für die Art, wie Fady ihn grad ansah. Und weil er sich ohnehin noch nicht richtig bedankt hatte, beugte Thomas sich vor, um ihn erstmal ausgiebig zu küssen.

“Danke,” murmelte er dann nachträglich. “Sag mal... is’ das vielleicht das Hemd, von dem du damals geträumt hast? Als du das vorletzte Mal bei deinen Eltern warst?”

“Das weißt du noch?” Fady ließ die Fingerspitzen an den schimmernden Linien entlang über seine Brust gleiten. “Ja, so ein bisschen – zumindest ich hatte die Inspiration davon.”

“Also wenn du nicht so’n hammermäßiger Sänger wärst, könnt’st du locker mit den Lagerfelds und wie die alle heißen konkurrieren.” Thomas warf noch einen letzten Blick in den Spiegel. Für den Alltag war dieses Hemd viel zu edel, aber der passende Anlass um sowas zu tragen würd’ sich bestimmt ergeben. “Damit kann ich ja sogar neben dir noch ’ne gute Figur machen!”

“Das kannst du auch sonst!” protestierte Fady gleich. Er war einen Schritt zurückgetreten und musterte Thomas mit ’nem irgendwie erwartungsvollen Blick.

“Ach so...” Mit etwas Verspätung begriff Thomas, dass er nun allmählich an der Reihe war. “Warte mal eben...”

Er bückte sich, um seine Reisetasche unterm Bett vorzuziehen, und kramte einen kleinen Lederbeutel raus. Etwas verlegen hielt er ihn Fady hin. “Ich hab nur – also, dein eigentliches Weihnachtsgeschenk kannste leider erst kriegen, wenn wir wieder in Köln sind, das konnt ich nicht mitbringen.” Mehr wollte er dazu nicht sagen, sonst würd’ er doch zuviel verraten und die Überraschung wäre geplatzt. “Das hier is’ nur was kleines, quasi als Ersatz.”

Als Fady den Beutel öffnete, wäre ihm das Armband beinah durch die Finger geglitten. Die Perlen waren schließlich ziemlich klein und nur auf zwei dünne Lederbänder aufgefädelt. Fady streifte es sich übers Handgelenk und streckte den Arm aus. Blaue und braune Halbedelsteine wechselten sich mit Silberperlen ab – die Farbkombination machte sich jedenfalls ganz gut. “Das ist toll!”

“Hier an dem Knoten kannst du’s enger stellen, damit’s nicht abrutscht...” Thomas zog das Armband etwas straffer um sein Handgelenk. “Na, wie gesagt, ist halt nix besonderes, hab ich aber selbst gemacht.”

“Wirklich?” Fadys Tonfall klang ehrlich erstaunt. “Extra für mich?”

“Aber klar.” Thomas zog die Schultern hoch. “Schließlich haste auch was für mich gemacht – wobei das bestimmt viel mehr Arbeit war.”

“Aber du hattest doch nur so wenige Zeit.”

“Da hab ich mich mal nach Feierabend dran gesetzt.” Nur knapp verkniff sich Thomas ein Grinsen. Mit Fadys Hauptgeschenk war er schließlich viel länger beschäftigt gewesen. “Während der Tour war ich mit Sebastian in so’m One World-Laden, weil er ’n Geschenk für seine Freundin gesucht hat – und da gab’s dann diese indonesischen Wunschperlen... naja, man zieht die halt auf und wünscht sich bei jeder Perle was.”

“So viele!” sagte Fady leise.

“Naja, eigentlich isses nur ’n einziger Wunsch...” Thomas legte beide Hände auf seine Schultern und senkte automatisch die Stimme. “’N ganz dicker fetter allerdings.”

“Und... verratest du mir den auch?” Fadys Blick war mit einem Mal ganz ernst.

Für’n Moment zögerte Thomas, dann lehnte er seine Stirn an Fadys und schloss die Augen. “...dass wir zusammenbleiben.”

Plötzlich hatte er allerdings ’n Kloß im Hals und fragte sich, ob man so’n Wunsch nicht besser für sich behielt. Ob er Fady damit nicht überforderte, gerade jetzt. Und sich selbst vielleicht auch.

Anstelle einer Antwort zog ihn Fady dicht an sich. Wünschen konnte man sich nun mal alles mögliche – und dabei genauso schnell den Boden unter den Füßen verlieren. Im Moment war’s Thomas viel zu bewusst, was diesem Wunsch alles entgegenstand. Wie’n Tonnengewicht drückte ihm das auf die Brust und ließ sich auch nicht mit ’nem bloßen Willensakt abschütteln. Gestern hatten sie das ganze Chaos, mit dem sie noch irgendwie fertigwerden mussten, erstmal ausgeklammert, aber früher oder später musste’s sie ja doch wieder einholen. Thomas schlang seine Arme etwas fester um Fadys Schultern und merkte umso deutlicher, wie schwer sein eigener Atem mit einem Mal ging.

Fady streichelte mit den Fingerkuppen sanft über seinen Nacken, als ahnte er ziemlich genau, was grad in ihm vorging. Nur langsam schob er sich ein Stückchen weg, und Thomas konnte spüren, wie er den Rücken dabei spannte.

“Hör mal,” fing er unsicher an, aber Fady schüttelte den Kopf und küsste ihn sacht, beinah vorsichtig.

“Ich danke dir für diese Geschenk – wirklich, das bedeutet mir sehr.” Er presste die Lippen zusammen, als müsste er erst noch seine eigenen Reaktionen in den Griff kriegen. “So, aber vielleicht wir sollten jetzt mal denken an Frühstück? Langsam ich werde doch hungrig.”

“Wir ham ja auch gestern gar nichts mehr gegessen.” Thomas fuhr sich über die Haare und fing an, das Hemd wieder aufzuknöpfen – bis er Fadys fragenden Blick bemerkte. “Das is’ schließlich was für ’ne ganz besondere Gelegenheit,” erklärte er eilig, bevor Fady noch ’n falschen Eindruck bekam, “und ich will auch nicht, dass gleich was drankommt.”

“Was hast du denn noch vor heute?” Fady ging zum Schrank, um sich ’ne Hose rauszuholen.

“Keine Ahnung. Nur rausgehen halt... vielleicht ’n Stück den Berg rauf oder so.”

“Ah, warum hab ich das nicht gleich gewusst?” Fadys amüsierter Tonfall klang noch ein bisschen bemüht. “Aber ich lass das an,” fügte er leiser hinzu und strich über das Armband an seinem Handgelenk. “Es fühlt jetzt schon sich an, als hatte ich das immer getragen.”

 

Hannes’ Küche war so geräumig, als müsste ’ne ganze Großfamilie darin Platz finden. Mitten im Raum stand ein langer, alter Esstisch. Als Thomas und Fady reingeschneit kamen, saß Hannes selber noch beim Frühstück und schraubte nebenher an einem alten Röhrenradio herum.

“Na, gut ins neue Jahr gerutscht?” begrüßte er sie.

“Besser ging’s kaum,” gab Thomas zurück. “Wir sind letzte Nacht noch am Strand gewesen.” Sein Magen meldete sich jetzt mit ’nem heftigen Knurren, also hielt er direkt auf den üppig beladenen Tisch zu und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. Etwas zögerlich schloss Fady sich ihm an.

“Wir stören doch nicht?” fragte er.

“Kein bisschen.” Hannes machte eine ausladende Geste, die das ganze Sortiment auf dem Tisch umfasste: Brot, verschiedene Sorten Käse, Joghurt und Honig. Mittendrin ein großer Pott Kaffee. “Hier, bedient euch einfach.”

Thomas grinste in sich hinein, als Fady sich den Teller belud und wie ausgehungert übers Frühstück herfiel. “Und wie war’s bei dir? Lange Nacht?”

“Nö, ging so.” Hannes zuckte die Achseln. “Die Leute hier sind alle Frühaufsteher, da wird selten durchgefeiert bis zum Abwinken.”

“Wie lange eigentlich lebst du schon hier?” fragte Fady kauend.

“Sechs Jahre mittlerweile.” Hannes schüttelte den Kopf und goss sich Kaffee nach. “Is’ wahrscheinlich kaum zu glauben, aber ich hab gleich im ersten Moment gewusst, dass ich hier bleiben will. Dabei war der Hof damals mehr ’ne Ruine als sonstwas.”

“Das muss schön sein.” Fady lehnte sich ein Stück zurück und ließ einen gedankenverlorenen Blick durch den Raum wandern. “So eine Platz zu finden, wo man weiß, das ist die richtige.”

“Für mich war’s definitiv ein Glücksfall.” Hannes zupfte sich am Bart und grinste dann etwas schief. “Allerdings hat’s meine damalige Freundin nicht lang in dieser Einsamkeit ausgehalten. Nach’m halben Jahr saß ich allein hier oben, aber da wollt ich schon nicht mehr weg.”

Er wirkte allerdings nicht sonderlich unglücklich deswegen; laut Torsten war Hannes ohnehin der geborene Einsiedlerkrebs. “Immerhin lebste hier ja mitten im Urlaubsparadies,” meinte Thomas. “Sonne, Meer und Berge...”

Vor allen die Berge,” nuschelte Fady von der Seite und grinste ihm zu.

“...und dann noch so’n mildes Klima im Winter.” Unterm Tisch piekste Thomas ihn kurz in die Seite, aber Fady hatte das wohl kommen sehen und zuckte mit keiner Wimper.

“Ihr habt aber auch echt Glück mit’m Wetter!” sagte Hannes dazu. “Normalerweise regnet’s um diese Jahreszeit öfter mal. Hat wohl auch über die Feiertage ordentlich geschüttet, aber für heute ist wieder nur Sonne angesagt. Und ’n richtig guter Flugwind.” Er blinzelte zufrieden zum Fenster rüber.

Wie er den Neujahrstag am liebsten verbringen würde, konnte sich Thomas schon denken. “Mit andern Worten, du willst dich heut noch in die Lüfte schwingen?”

“Lust hätt’ ich.” Hannes griff nach seiner Kaffeetasse und schnappte dabei Fadys verständnislosen Blick auf. “Ich betreib hier ’ne Drachenfliegerei, hat Tom dir das nicht erzählt? Damit verdien ich hauptsächlich meinen Lebensunterhalt.”

“Wirklich?” Fady zog die Augenbrauen hoch. “Ist das dieselbe wie Paragliding?”

Hannes nickte. “Man steigt den Berg hoch, schnallt sich einfach nur am Drachen fest und wartet auf den passenden Wind...”

Fadys zweifelnder Blick ließ allerdings deutlich erkennen, dass ihm das alles andere als einfach vorkam.

“...und dann segelt man frei wie’n Vogel durch die Lüfte, is’ absolut unvergleichlich!” Hannes kam jetzt so richtig in Fahrt. “Tja, ich hab mein Hobby zum Beruf gemacht und bin mittlerweile Fluglehrer mit Lizenz und Stempel. Aber richtig was los ist natürlich nur während der Saison, so ab April. Die übrige Zeit mach ich halt, was zwischendurch anfällt... Reparaturen und so’n Kram.” Er tippte das aufgeschraubte Radio an und wandte sich Thomas wieder zu. “Was ist denn mit dir, Tom? Keine Lust auf’n kleinen Flug? Du hast doch mal so’n Kurs in der Eifel gemacht, wenn ich mich noch richtig erinner.”

“Ja, schon, is’ aber Jahre her.” Außerdem hatte er seit ’ner Ewigkeit nicht mehr dran gedacht. Aber jetzt wo er’s tat, musste Thomas unwillkürlich lächeln. Zu Fady sagte er: “Den Kurs ham mir damals meine Eltern geschenkt. Da hatt ich so ’ne Durchhängephase... und die meinten, ’n bisschen fliegen würd’ mir gut tun.”

“Womit sie absolut Recht hatten, das tut immer gut,” warf Hannes ein und grinste.

Da konnte Thomas ihm nur zustimmen. Mit einem Mal stand ihm alles wieder ganz plastisch vor Augen. Dieser sagenhafte Anblick, wenn Abhänge, Baumkronen und Felder unter einem wegglitten, während man sich einfach nur vom Wind treiben ließ... “Ich hätt’ auch gern weitergemacht, nur hat meine Kohle damals halt nicht dafür gereicht. Bestimmt hab ich mittlerweile alles vergessen.”

“Ach was, wenn man’s einmal drauf hat, verlernt man’s nicht so schnell wieder – wirste sehen!” widersprach Hannes sofort. “Aber wenn du Bock hast, machen wir zuerst ’nen Tandemflug zur Wiederauffrischung, und dann kannste dir ja überlegen, ob du allein starten willst.” Er nahm eine Schraube vom Tisch und machte sich wieder über das kaputte Radio her.

“Also, das is’ wirklich... ’n tolles Angebot,” murmelte Thomas und sah unsicher zu Fady rüber. Hannes’ Vorschlag war schon wahnsinnig verlockend, aber es kam doch nicht ernsthaft in Frage, Fady ausgerechnet an Neujahr so ’nem stundenlangen Leerlauf zu überlassen. Wo er sich dann zwangsläufig mit all den ungelösten Problemen und Schwierigkeiten rumschlagen würde, die sie eigentlich zusammen anpacken sollten. “Nur weiß ich echt nicht –”

“Sicher du wirst das noch schaffen,” fiel ihm Fady ins Wort, obwohl Thomas eigentlich was ganz anderes hatte sagen wollen. Aber vermutlich hatte Fady genau das geahnt. “Das klingt doch super!”

“Ja, schon.” Thomas richtete den Blick auf das tief gefurchte Holz der Tischplatte und hoffte, dass ihm seine spontane Begeisterung nicht zu offenkundig ins Gesicht geschrieben stand. Klar würde er am liebsten drauf einsteigen. Bloß musste das ja nicht ausgerechnet heute sein, das Flugwetter würde doch bestimmt noch für ein, zwei Tage halten. Aber dann griff Fady unter dem Tisch nach seiner Hand und drückte sie fest.

Bevor Thomas reagieren konnte, wandte er sich auch schon an Hannes: “Kann ich mitkommen und zukucken?”

“Na klar.” Hannes wedelte mit dem Schraubenzieher. “Es gibt hier ’ne super Flugroute vom Berg runter bis direkt ans Meer. Da kann auch gar nichts schiefgehen bei der Landung, der Strand ist ideal dafür.” Mit Schwung zog er eine letzte Schraube fest. “Wir müssen eh beide Autos nehmen und stellen den einen Wagen dann beim Strand ab. Wär sonst ’ne ziemlich lange Wanderung wieder rauf bis zum Startplatz.”

“Gut, dann ich bleibe am Meer und sehe euch zu bei die Landung,” erklärte Fady kurzentschlossen.

Damit war die Sache nun wohl entschieden. Thomas rutschte auf seinem Stuhl zurück, weil ihm mittlerweile ’ne kribblige Vorfreude durchs Nervenkostüm rauschte, die sich kaum noch bremsen ließ. “Na gut. Und wann geht’s los?”

Hannes griff nach einer Papierserviette und wischte sich ein paar Krümel aus dem Bart. “Von mir aus gleich. Bis wir richtig startklar sind, isses eh Mittag, da haben wir ideale Bedingungen.” Er musterte Thomas kritisch. “Aber zieh dich ’n bisschen wärmer an, und feste Schuhe brauchst du auch. Alles andere hab ich vorrätig.”

“Okay.” Thomas war schon auf den Beinen. “Dann geh ich mich als erstes wohl mal umziehen.”

Im selben Moment stand auch Fady auf, aber dann fiel sein Blick auf die Überreste ihres Frühstücks. “Soll ich helfen hier mit aufräumen?”

“Ach was, ich pack bloß eben in den Kühlschrank, was sonst nur die Fliegen anzieht – alles andere kann warten.” Hannes schob seinen Stuhl zurück und schwang sich zum Regal nebendran, um eine Kuchenform hervorzuziehen. “Aber nehmt euch was vom Neujahrskuchen mit rüber. Den hat mir ’ne Freundin ausm Dorf gebacken, aber wenn ich den ganz allein essen muss, wird der mir nur trocken.”

“Was für eine Kuchen ist das?” Fady warf einen neugierigen Blick in die Backform.

“Vassilópitta,” erklärte Hannes. “Eigentlich ’n ganz einfacher Sandkuchen, aber das is’ so Tradition zu Neujahr. Da wird ’ne Münze drin versteckt, und wer die findet, hat das ganze Jahr über Glück. Vorausgesetzt, er beißt sich keinen Zahn dran aus.”

“Dann wir müssen das sehr vorsichtig essen.” Fady sah dabei zu, wie Hannes ein großes Stück des Kuchens abschnitt und auf einen Teller beförderte.

“Ich werd dich dran erinnern,” sagte Thomas von hinten. “Wenn dich der Hunger überkommt, bist du ja nicht mehr zu bremsen.”

“Also wirklich!” Fady nahm den Teller an sich und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. “Ich bin doch keine Krümelmonster!”

“’Ne optische Ähnlichkeit gibt’s jedenfalls nicht!” Hannes grinste. “Dann zieht mal los. Ich such mittlerweile das ganze Zeug zusammen und lad den Drachen aufs Auto.”

 

In Gedanken war Thomas schon beim Fliegen. Als sie über den Hof gingen, trudelten lauter technische Details aus seinem Gedächtnis hervor. Wie man beim Start den Anstellwinkel einrichtete, zum Beispiel. Und dass man beim Aufbau höllisch aufpassen musste, damit sich die Schnüre nicht um die Querspreizen verwickelten. Plötzlich drängelte sich das alles derart in seinem Kopf, dass sie die Gästewohnung schon fast erreicht hatte, bis er wieder was von seiner Umgebung wahrnahm. Fady hatte zwischenzeitlich keinen Ton mehr von sich gegeben.

Betreten räusperte sich Thomas. “Sag mal... ist das auch echt okay für dich, wenn ich jetzt mit Hannes den Abflug mach?”

“Aber sicher.” Überrascht hatte er Fady mit dieser Frage anscheinend nicht. Er schüttelte leicht den Kopf. “Du musst doch nicht denken, du kannst mich nicht allein lassen für ein paar Stunden.”

“Nee, nur...” Thomas machte eine vage Handbewegung, weil er nicht wusste, wo er jetzt anfangen sollte.

“Wir sind nicht hier nur zum Spaß?” Fady zwinkerte ihm zu, wurde aber gleich wieder ernst. “Trotzdem, wir haben doch Zeit. Und ich mache einfach ein Spaziergang am Meer, während ihr seid unterwegs. Das ist auch gut für mich, jetzt diese Ruhe haben zum Nachdenken.”

“Wenn du meinst...” Thomas hielt ihm die Tür auf. “So furchtbar lang wird die ganze Aktion ja auch nicht dauern.”

Während Fady den Kuchen in die Küche brachte, ging er direkt ins Schlafzimmer, um seine nur teilweise geordneten Klamotten zu durchwühlen. Ganz unten in der Reisetasche fand sich immerhin ein dickes Sweatshirt, das für eventuelle Bergwanderungen gedacht gewesen war. Als er’s rauszog, raschelte darunter Papier. Thomas griff erneut in die Tasche und bekam ein paar Umschläge zu fassen. Wieder mal ein Beweis dafür, dass er der chaotischste Kofferpacker aller Zeiten war.

“Was hast du da?” fragte Fady plötzlich über seine Schulter.

“Post für dich.” Thomas richtete sich auf und hielt ihm die Briefe hin. “Ich war doch in deiner Wohnung und hab halt alles eingesteckt, das so aussah, als könnt’s was wichtiges sein.”

“Also das ist die Rechnung für Elektrizität...” Fady blätterte den Packen flüchtig durch, ohne einen der Briefe zu öffnen, bis er fast am Ende angelangt war. “Hier –” Er hielt ein schmales Kuvert hoch. “Von mein Arzt, das wird diese Testergebnis sein.”

Sorgen schien er sich deswegen keine zu machen, er riss den Umschlag mit einer raschen Bewegung auf und zog ein einzelnes Blatt daraus hervor. Nur Thomas wurd’s für einen Moment doch ’n bisschen mulmig. Schließlich konnte man sich auf mehr als einem Weg mit AIDS infizieren...

“Negativ,” sagte Fady mit einem Schulterzucken, ließ das Blatt sinken und warf Thomas einen vielsagenden Blick zu. “Na, jetzt wir müssen nur noch warten, bis du deine Ergebnis auch bekommst.”

“Hab ich schon.” Ohne dass er’s verhindern konnte, krabbelte Thomas eine leichte Hitze ins Gesicht. “Ich hab – ähm, gestern Morgen bevor ich los bin, hab ich noch schnell in der Praxis angerufen und mich erkundigt.”

Bestimmt fragte sich Fady jetzt auch, warum er’s so eilig gehabt hatte. “Und? Alles in Ordnung?”

“Ja, klar. Sie ham mir auch gleich noch dazugesagt, dass ich der ideale Kandidat zum Blutspenden wär.”

Als Fady einen Schritt auf ihn zukam, war das ausgelassene Glitzern in seinen Augen deutlich zu erkennen. Er ließ die Fingerspitzen über Thomas’ Brust gleiten. “Also das heißt... wir können die Kondome jetzt wegschmeißen.”

“Oder Hannes schenken.” Thomas grinste, obwohl’s ihm immer noch etwas heiß im Gesicht war. Schon eigenartig, dass sich sowas stocknüchternes wie’n Laborergebnis plötzlich derart intim anfühlte.

“Und was soll der damit machen, so ganz allein?” Ohne jede Vorwarnung versetzte ihm Fady einen Klaps auf den Hintern. “So, jetzt zieh mal dich um fürs Fliegen!”

* * *