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Unknown Waters – part 10.4
by cara_la_mia (cara_la_mia)
at 7. November 2009 (22:42)

Title Unknown Waters              
Part: 10.4/?    
Pairing: Tom/Fady    
Rating: R         
Language: German    
Summary: “You let me dive in unknown waters, I close my eyes, I learn to see...”  
Disclaimer: Thomas und Fady gehören nur sich selbst; ich habe keine Ahnung von ihrem Liebesleben und möchte mit meiner Story auch niemandem zu nahe treten. Wie jedem, der die Medien verfolgt, sicher sofort auffällt, handelt es sich hier um ein Alternate Universe, in dem meine Fantasie gern lange Spaziergänge unternimmt.

Und zuletzt: vielen lieben Dank an bm_shipper, meine geduldige Beta-Leserin, die mir geholfen und mich ermutigt hat. :)

Unknown Waters

Beharrlich ruckelte Hannes’ Geländewagen auf den Berggipfel zu, allen Schlaglöchern und Unebenheiten zum Trotz. Thomas lehnte sich zum Fenster rüber, um einen Blick nach unten zu werfen. Direkt neben der Straße ging’s ziemlich steil bergab, keine der felsigen Anhöhen ringsrum türmte sich so hoch auf wie dieser eine Berg. Der hieß nicht umsonst Pantokrator – Alleinherrscher, laut Hannes. Nach Norden fiel das ganze Gelände terrassenartig bis zur Küste ab, auch wenn vom Meer momentan nur ein schmaler blauer Streifen zu erkennen war.

War schon irre, sich vorzustellen, dass er in ’ner knappen Stunde lässig über diese Landschaft wegsegeln würde. Trotzdem strebten Thomas’ Gedanken unaufhaltsam rückwärts, Richtung Meer. Wo Fady jetzt allein am Strand lang wanderte.

Thomas wischte sich die schwitzigen Handflächen an der Hose ab. Diese innere Unruhe konnte er einfach nicht abschütteln, egal wie sehr Fady drauf bestanden hatte, dass es ihm gar nichts ausmachte, mal vorübergehend allein zu sein. Irgendwie wurde Thomas auch das Gefühl nicht los, als hätte sich Fady seit gestern Abend wahnsinnig drum bemüht, ’ne möglichst lockere Stimmung herzustellen. Um ihn bloß nicht mit seinen Problemen zu belasten. Dabei sind’s schließlich unsere Probleme...

Als sie den Ford beim Strand abgestellt hatten, war Thomas drauf und dran gewesen, die ganze Flugaktion doch noch abzublasen. Aber Fady hatte ihm das scheinbar am Gesicht abgelesen. Bevor Thomas irgendwas sagen konnte, hatte Fady seine Hand gepackt und ihn an seine Seite gezogen.

Schau mal da hoch! Bis zur Spitze des Pantokrator konnte man vom Strand aus gar nicht sehen, der ragte wie ’ne grüne Steilwand hinter den übrigen Bergkuppen vor. Von so eine Berg runterspringen und wegfliegen, das muss doch ein Traum von dir sein.

Total der Hammer! Ganz unwillkürlich rutschte Thomas das raus – der Anblick war nun mal wirklich atemberaubend. Fady sah ihn von der Seite an. Und jetzt, sagte er leise, ich möchte dich fliegen sehen.

Sein Tonfall klang so erwartungsvoll, dass Thomas gar nicht anders konnte, als ihn wortlos an sich zu ziehen. Für ’ne kurze Umarmung, die trotzdem etwas zu heftig ausfiel. Schließlich war’s ja kein Abschied für länger.

Hannes hatte derweil an der Befestigung des Drachen auf dem Dachgepäckträger rumgefummelt und sie gar nicht weiter beachtet. Aber selbst wenn er was mitbekommen hatte: so’n altlinker Aussteiger wie er hatte wohl kaum ein Problem damit, wenn sich zwei Männer mal in den Armen lagen. Als sie dann losfuhren, konnte Thomas im Rückspiegel sehen, wie Fady am Strand zurückblieb. Wie er ihnen noch einmal kurz zuwinkte, bevor er sich abrupt wegdrehte. Dieses Bild hatte er jetzt noch vor Augen.

“So, da wärn wir!” riss ihn Hannes aus seinen Gedanken. Etwas unterhalb des Berggipfels lag der Abflughang, der fast wie ’ne natürliche Startrampe geformt war. Mit einem kräftigen Ruck zog Hannes die Handbremse an. “Abladen, aufbauen – und los geht’s!”

Innerlich gab sich Thomas einen Schubs und machte sich an die Arbeit. Ließ sich anstecken von der Begeisterung, die Hannes jetzt mit Hochdruck verströmte. So abgeklärt er sonst wirkte – hier turnte er aufgekratzt um das am Boden ausgebreitete Segel rum und machte gleichzeitig seine Ansagen. Querspreize in die Seitenverbinder. Standoffs und Segellatten einsetzen. Flugschnüre zum Anleinpunkt. Hin und wieder musste Thomas nachfragen, aber das Meiste fiel ihm mit etwas Nachdenken wieder ein. Während sie den Drachen aufs Fahrgestell montierten, erklärte ihm Hannes noch mal die Basics: Steuerbügel, Höhenmesser, Rettungsfallschirm – alles klar?

“Ich hol dann mal unsere Ausrüstung ausm Auto,” sagte Hannes schließlich und rieb sich die Hände.

Thomas blieb neben dem Gleiter stehen. Trotz der Höhenluft war ihm in seinem dicken Sweatshirt heiß geworden, und so langsam stieg auch ’ne nervöse Spannung in ihm hoch.

“Na, Lampenfieber?” Hannes war mit dem Gurtzeug zurück und reichte ihm als erstes einen Schutzhelm.

“Mmm, schon.” Thomas grinste verlegen. “Wird mich aber nicht abhalten.”

“Ganz ohne jedes Nervenflattern wär’s doch langweilig!” Hannes klopfte ihm auf die Schulter. “Eins kann ich dir sagen: in Deutschland würd keiner so’n Tandemstart vom Berg machen. Dabei kann man hier ganz bequem vom Hang abrollen.”

Das Gurtzeug bestand im wesentlichen aus ’ner knielangen Schürze mit diversen Schnüren und Riemen. Hannes sortierte alles auf dem Boden auseinander und fragte: “Drüber oder drunter?”

Thomas musste erst ’n Moment überlegen, bis ihm klar wurde, was Hannes meinte. Beim Tandemflug hatte immer der untere Mann die Steuerposition. Er kratzte sich im Nacken. “Bin ehrlich nicht sicher, wie gut ich das noch hinkrieg.”

“Naja, wenn du ’n Fehler machst, kann ich’s auch so korrigieren.” Hannes zuckte die Achseln. “Aber wie du willst.”“Okay,” sagte Thomas kurz entschlossen. “Dann mach ich mal den Piloten.”

Nach etwas Fummelei mit den Streck- und Kreuzgurten zeigte ihm Hannes, wie er ihn in der oberen Position einhängen musste, sodass er ausgestreckt einen halben Meter über dem Boden schwebte. Aufgehängt am Drachen, dessen Segel sich schon leicht blähte. Sorgfältig überprüfte Thomas alle Sicherungen, bevor er sich unter Hannes einklinkte. Etwas zittrige Knie hatte er jetzt schon.

“Nur keine Hektik,” sagte Hannes. “Der Wind lässt uns so schnell nicht im Stich.”

Thomas atmete tief ein und legte die Hände um den Steuerbügel. Im Moment fand er’s sehr beruhigend, dass Hannes ihm die ganze Zeit über die Schulter sehen würde. “Ich denk mal, ich bin soweit. Noch irgendwas spezielles, worauf ich beim Start achten muss?”

“Bloß ordentlich anschieben, dann kriegen wir schon die richtige Geschwindigkeit.”

“Alles klar.” Thomas stemmte die Füße gegen den Boden und richtete den Blick nach vorn. Wie ’ne gigantische Kissenlandschaft breitete sich das abschüssige Gelände vor ihm aus, graugrün gesprenkelt und weit offen. Und dahinter das Meer. Sein Herzschlag machte jetzt im Voraus Tempo.

Im nächsten Moment hatte er sich schon abgestoßen. Der Drachen rollte den Hang runter und beschleunigte, und bereits nach einigen Metern war zu spüren, wie der Hangaufwind unters Segel griff. Die Gummiräder vom Boden zog, als hinge gar kein Gewicht mit dran. Ohne Hannes’ Kommando abzuwarten zog Thomas am Steuerbügel. Absprung. Sein Adrenalinpegel schoss genauso schnell in die Höhe.

Erst bockte der Drachen, hüpfte ein paar Mal auf und ab, aber dann levelten die Segelflächen und der Vogel ging in einen weichen Gleitflug. Automatisch schob Thomas die Füße in den Strecker. Jetzt brauchte er eigentlich nichts mehr zu tun, als sich ums Steuern zu kümmern.

“Wir fliegen!” brüllte Hannes direkt über ihm.

So heftig, wie ihm der Wind grad ins Gesicht blies, bekam Thomas kein Wort raus. Während sie glatt geradeaus segelten, kippte der Boden immer schneller unter ihnen weg. 110 Meter zeigte der Höhenmesser jetzt schon an. Im Grunde war’s doch heller Wahnsinn, drauf zu vertrauen, dass so ’ne dürftige Konstruktion aus Segeltuch und Alu-Rohren einen sicher tragen und genauso zuverlässig wieder auf festem Boden absetzen würde. Thomas warf einen Blick nach unten, wo Felsen und Bergwiesen in einem solchen Affentempo vorbeiflitzten, als würden sie aufgerollt – in der ersten Schrecksekunde krampfte sich sein Magen zusammen. Er schnappte ein paar Mal hektisch nach Luft.

“Immer nach vorn schauen,” rief ihm Hannes zu und drückte kurz Thomas’ Schulter.

Eigentlich wusste Thomas das ja selber, und wenn er sich drauf konzentrierte, wie sich die Gurte im Auftrieb spannten, war darin auch ’ne immense Kraft zu spüren, auf die man sich voll verlassen konnte. Die Bergrücken vor ihm formten sanfte Wellenlinien, und direkt dahinter dehnte sich das Meer tiefblau ins Weite.

Der Drachen lag jetzt ruhig in der Luftströmung, sodass Thomas nur hin und wieder etwas gegensteuern musste, wenn sie ’ne Turbulenz erwischten. Die Steuerung hatte er nach ein paar Versuchen auch ganz gut im Griff. Hauptsächlich funktionierte das ja so, dass man sein Gewicht verlagerte, den Bügel zum Bremsen rausdrückte oder eben anzog, um das Tempo zu steigern. Und wenn er mal zuviel Anschub gab, korrigierte Hannes das sofort mit ’nem gezielten Druck gegen die oberen Trapezrohre.

Sobald er sich einigermaßen sicher fühlte, kontrollierte Thomas die Navigation, damit sie nicht vom Kurs abkamen. Als sie die Route durchgegangen waren, hatte ihm Hannes bereits erklärt, dass sie ’ne weitgespannte Kurve nach Nordosten drehen mussten, um genau an der Stelle zu landen, wo der menschenleere Sandstrand die nötige Länge zum Ausrollen hatte. Keine zwanzig Kilometer Flugstrecke waren’s insgesamt: die würden sie beim jetzigen Tempo von 60 km/h ziemlich flott zurücklegen.

Als Thomas das nächste Mal nach unten sah, konnte er Sandpfade erkennen, die sich wie Seidenfäden durch die Berglandschaft zogen, und dazwischen hingetupft die Ziegeldächer eines Dorfs. Mit fünfhundert Metern Luft unterm Bauch wirkte das alles wie Ablagerungen auf dem Meeresboden, spielzeugklein und irgendwie fremd. Trotzdem fühlte es sich an, als wär’s das Natürlichste von der Welt, hoch oben übers Gelände wegzuschweben. Wo’s auch so still war, dass man sich ganz normal hätte unterhalten können.

“Jetzt mehr nach Osten einschlagen.” Hannes lehnte sich schon etwas nach rechts, damit sie die Landestelle in einem weiten Bogen anfliegen konnten.

Thomas folgte seiner Bewegung und konnte sich ein Seufzen nicht verkneifen. Grad hatte er den Punkt erreicht, wo er’s richtig genießen konnte, frei wie’n Vogel durch die Luft zu gleiten, und nun war’s schon fast wieder vorbei.

Zwischen den grün überwucherten Ausläufern der Berge kam die verlassene Bucht in Sicht, wo sie Fady vorhin abgesetzt hatten. Blendend weiß strahlte der Sand in der Mittagssonne. Instinktiv drosselte Thomas die Geschwindigkeit und kniff die Augen zusammen, obwohl sie eigentlich noch viel zu weit weg waren, um Fady irgendwo am Strand auszumachen. Im selben Moment ging ein hektisches Knattern durchs Segeltuch – ein klares Warnsignal, dass sie zu langsam unterwegs waren und gefährlich absacken konnten. Prompt fing der Drachen an zu schlingern und zu gieren.

“Mehr Tempo!” kam Hannes’ Stimme von hinten.

Mit zusammengebissenen Zähnen zerrte Thomas am Steuerbügel, spürte den Gegendruck, den Hannes mit den Ellenbogen auf die Trapezrohre ausübte. Innerhalb von Sekunden hatten sie den Gleiter wieder im Griff und legten sich für die Landevolte zusammen in die erste 90 Grad-Kurve.

Der Adrenalinstoß von eben flimmerte Thomas zwar noch durch die Adern, aber gleichzeitig meldeten sich die geübten Reflexe zurück. Gegenanflug, Queranflug, Endanflug. Volle Konzentration. Sie mussten den Vogel jetzt möglichst dicht am Wasser runterbringen, wo der Strand nass glänzte. Im trockenen Sand würden die Räder sofort steckenbleiben und den Drachen viel zu abrupt bremsen, da konnte leicht ’ne Bruchlandung draus werden.

Als sich das Segel wieder gerade legte, passte Thomas den entscheidenden Moment ab, um den Steuerbügel kräftig nach vorn zu drücken. Die Nase des Drachen zog nach oben und bremste den Anflug. Dann setzte das Fahrgestell auch schon auf, die Räder furchten den nassen Sand, der um sie rum aufspritzte. Etwas holprig kamen sie zum Stehen.

Benommen wischte sich Thomas den Sand aus dem Gesicht. Nur ’n paar Meter neben ihnen platschten die Wellen an den Strand.

“Na, wie war’s?” Grinsend streckte Hannes eine Hand zum Abklatschen vor, und Thomas schlug ein.

“Viel zu schnell vorbei!” Als er nach dem Karabinerhaken an seiner Schulter fummelte, bemerkte er aus dem Augenwinkel ’ne Bewegung. In Höchstgeschwindigkeit joggte Fady auf sie zu.

“Hey!” brüllte Thomas – mehr weil ihm grad nach Lautstärke war, als weil’s der Abstand wirklich erforderte. Fady war schon bis auf wenige Meter herangekommen.

Mit routinierten Griffen löste Hannes die Sicherungsgurte, die sich an Schultern, Brust und Hüfte zwischen ihnen spannten.

“Warte mal, ich kann doch helfen,” sagte Fady atemlos. Allerdings war er dann so schnell dabei, dass sich die Haltegurte links und rechts gleichzeitig ausklinkten und Thomas geradewegs in den Sand plumpsen ließen. Glatte Bauchlandung.

“Oops, sorry!” Fady lachte, während er unter dem Gleiter hervorkrabbelte.

“Du kannst es wohl gar nicht mehr erwarten!” Thomas grinste und ergriff Fadys Hand, um sich von ihm hochziehen zu lassen. Schwankend kam er auf die Füße, machte einen unsicheren Schritt nach vorn. Im ersten Moment fühlte sich das an wie aufm Mond zu laufen. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren – aber es gab ja auch keinen Grund, Fady nicht gleich in die Arme zu fallen.

“Ich bin so schnell gerannt, wie ich konnte...” Fady hatte ihn schon bei den Schultern gepackt und klang richtig aufgeregt. “Das hat ausgesehen wie – wie eine riesige Vogel, die hier landet!”

“Was denn für’n Vogel?” Thomas schlang beide Arme um ihn. “’Ne Krähe vielleicht? Oder eher ’ne besoffene Möwe?”

“Nein, wie eine Adler!” Fadys Augen leuchteten. “Wirklich, ganz schön.”

“Ja?” murmelte Thomas und lehnte sich vor, um ihn zu küssen. Das war erstmal das Wichtigste. Fady schmeckte nach Salz und Sonne, und der Wind wirbelte Thomas’ Haare um sein Gesicht. “Haste dir Sorgen gemacht, dass ich nicht mehr heil runterkomm?”

“Nur ein kleine bisschen,” gab Fady zu.

“Wenn ich mal kurz stören darf...” Hannes. Den hatten sie zwischenzeitlich komplett vergessen. Irgendwie war’s ihm allerdings gelungen, sich ganz allein aus den Gurten zu befreien. Kurzfristig zwickte Thomas das schlechte Gewissen, aber als er sich umdrehte, wirkte Hannes bloß belustigt, kein bisschen irritiert. “Also, wenn ihr nichts dagegen habt, würd’ ich jetzt gern ’ne Runde schwimmen gehn.”

“Bei diese kalte Wasser?” fragte Fady erstaunt.

Hannes zuckte mit den Schultern. “Mach ich nach jedem Flug so. Erst im Wind treiben und dann im Meer – besser geht’s doch gar nicht.”

Fadys Blick wanderte zum Drachensegel rüber, das sich unruhig im Luftzug bauschte. “Sicher du bist eine sehr gute Flieger. Wie ihr ein Bogen nach den anderen gemacht habt zum Landen, das war unglaublich – so ganz leicht und elegant.”

“Na, das Kompliment geht an den Piloten!” Hannes deutete mit dem Kopf in Thomas’ Richtung. “Ich hab Tom nur assistiert.”

“Ja, wirklich?” Vor lauter Überraschung wechselte Fadys Stimme in eine höhere Tonlage. “Du warst die Pilot?”

“Haste mir gar nicht zugetraut, was?” Thomas grinste ihn an. “Gib’s zu.”

“Naja...” Verlegen senkte Fady die Stimme. “Schließlich ich konnte das nicht wissen.”

“Und was ist mit dir?” fragte Hannes. “Willste’s nicht auch mal ausprobieren? Du hast grad so’n Blick draufgehabt wie der geborene Fliegertyp.”

“In Ernst?” Fadys Lächeln hatte was nachdenkliches. “Na, irgendwie... ich hab schon immer mir gewünscht, ich konnte fliegen – das ist doch bei die meiste so, oder nicht? Aber wenn ich nur ein paar Meter irgendwo raufklettere, mir wird schon schwindlig.” Er schnipste mit den Fingern, als wollte er das Thema damit abhaken. “Also mit solche Höhenangst, das ist doch nur ein Illusion.”

“Is’ aber nicht ganz das selbe,” wandte Hannes ein. “Du steigst ja nicht auf’n Gebäude oder ’ne Wand hoch.”

“Außerdem haste beim Start auch nur den Abhang vor dir,” ergänzte Thomas, “so wie beim Rodeln oder beim Skifahren.” Schwer vorstellbar, dass sich Fady wirklich zu ’nem Testflug überreden lassen würde, aber versuchen konnte man’s ja. “Eigentlich isses eher mit Schwimmen zu vergleichen. Weil die Luft dich genauso trägt wie Wasser.”

Zweifelnd verzog Fady den Mund. “Also, ich weiß nicht...”

“Du kannst es dir ja noch überlegen.” Hannes wandte sich schon zum Gehen. “Ich stürz mich jetzt erstmal in die Fluten.”

“Aber nicht, dass du dir was abfrierst!” rief Thomas ihm hinterher. “Wir können ja inzwischen den Drachen abbauen.” Er fühlte sich so energiegeladen, dass bloßes Rumgammeln am Strand gar nicht denkbar war. Erst im Nachhinein warf er Fady einen fragenden Blick zu. “Oder?”

“Klar, wenn du zeigst mir, wie das geht.”

Während Hannes sich auf den Weg zum Ford machte, in dem er vorhin einen Seesack verstaut hatte, stapften sie um den eingesandeten Gleiter herum. Thomas hatte immer noch das Gefühl, als müsste er in den Knien nachfedern.

Vor der Nase des Drachen ging Fady in die Hocke und legte den Kopf schräg. “Das ist so ein einfache Konstruktion... und fliegt trotzdem.”

“Weil’s ganz exakt ausbalanciert is’ – bevor so’n Vogel freigegeben wird, muss er erst durch ’ne Menge Belastungstests. Und ganz ohne High Tech isser auch nicht.” Thomas stellte das Variometer sicher, das mit einer Metallklemme am linken Trapezrohr befestigt war. “Hier, das Ding misst die Flughöhe und den Luftdruck, außerdem gibt’s dir die Geschwindigkeit an. Und ’n Navigationssystem ist auch mit drin.” Trotzdem war das Gerät kaum größer als ein Handy.

“Das hast du alles gelernt bei diesen Kurs?” Fady nahm ihm das Vario ab und betrachtete die digitalen Anzeigen.

“Mhm, wir ham damals mit Theorie angefangen – Aerodynamik, Meteorologie und sowas...” Thomas ging daran, die Knoten der Flugschnüre zu lösen. “Davon weiß ich allerdings nicht mehr viel. Braucht man beim Fliegen auch nicht wirklich, wenn man die Grundlagen einmal kapiert hat.”

In einiger Entfernung wanderte Hannes zum Wasser runter, nur noch in Badehose, die Tasche über eine Schulter gehängt.

“Und... wie fühlt sich das an?” Mit einem Mal lag ’ne verhaltene Spannung in Fadys Stimme.

Thomas ließ die Schnüre baumeln, um ihn anzusehen. “Unbeschreiblich. Also echt. Man is’ halt... plötzlich aus allem raus und ganz auf sich gestellt...” Er breitete die Hände aus, weil ihm absolut die Worte dafür fehlten. “Aber gleichzeitig eben auch – diesen Elementarkräften ausgeliefert, die viel stärker sind als man selber.”

Fady schüttelte den Kopf. “Und da hast du keine Angst?”

“Doch,” sagte Thomas unumwunden. “Kurz vorm Start ham mir ordentlich die Knie geschlackert. Ob’s wirklich gut geht, weiß man ja nie.”

Fady wandte den Blick ab, aber trotzdem konnte Thomas ’ne Verdüsterung darin erkennen – oder bildete sich das zumindest ein. Vielleicht fand Fady es auch schlichtweg unverständlich, dass man sich überhaupt so’m Risiko aussetzte. “Woher,” fragte er nach ’ner längeren Pause, “kommt dann diese Vertrauen, das trotzdem zu machen?”

“Naja...” Thomas hockte sich auf die Fersen. Hatte nicht den blassesten Schimmer, wie er diese Frage beantworten sollte. Oder warum das Fady anscheinend so wichtig war. Bloß drängte sich ihm der Eindruck auf, als ging’s um ganz was anderes als riskante Sportarten. “Das... ähm, das kommt dann halt, wenn man erstmal ’n Anfang gemacht hat.”

“Einfach so.” Fadys Tonfall hatte plötzlich ’ne gewisse Schärfe. Mit einer knappen Bewegung wandte er sich wieder dem Unterbau des Drachen zu. “Also, erst wir machen hier diese Knoten los. Und danach?”

“Dann nehmen wir die Segellatten raus.” Thomas tippte die nächstliegende an und beobachtete Fady von der Seite. Aufmerksam studierte er die Verbindungen zwischen Latten und Querspreizen, als könnt’s nichts wichtigeres geben. “Fady...”

Noch bevor daraus ’ne Frage werden konnte, hatte Fady mit einem Handgriff den ersten Knoten aufgeschnürt. “Ich hatte eine Telefonat mit Volker,” sagte er unvermittelt, “direkt vor meine Abreise.”

Daher kam also dieser abrupte Stimmungswechsel. Abgelenkt fummelte Thomas an der Halterung fürs Vario herum. Weshalb Fady erst jetzt mit dieser Neuigkeit rausrückte, konnte er sich immerhin vorstellen. “Und was hat er so gemeint?”

Fady sah nicht zu ihm rüber, sondern arbeitete sich in Windeseile zur Flügelspitze des Drachen vor. “Er hat gesagt, so eine Story man kann nicht auf sich ruhen lassen, und ich muss was unternehmen. In die kalte Wasser springen.”

“Hat er auch gesagt, was er sich da so drunter vorstellt?”

“Nein, das war wenig konkret.” Verbissen zerrte Fady am letzten Knoten. “Nur wenn ich möchte absolut kein Coming Out machen, dann muss ich ein andere Weg mir überlegen. Und ich will das auch!”

In jeder seiner Bewegungen zeigte sich jetzt ’n massiver Druck, den er bislang irgendwie unter Verschluss gehalten hatte. Sekundenschnell sprang die Anspannung auf Thomas über. “Wie, das war schon alles?”

“Nicht ganz. Er hat mir angeboten, ein Interview oder sowas zu organisieren, wenn ich habe mich entschieden.” Fady machte eine flattrige Handbewegung. “Aber wie? Die ganze Zeit hier ich hab darüber nachgedacht – aber was soll ich denn zu so ein verlogene Artikel sagen? Ich kann das nicht leiden, wenn die Leute schon meinen, sie wissen genau, was in meine Privatleben los ist. Also das ist für mich kein Freiheit, mehr das Gegenteil!”

“Kann ich total verstehen.” Thomas legte die Hände auf die Knie und schob sich in die Höhe. Ihm kribbelte inzwischen soviel Unruhe in der Magengrube, dass er Mühe hatte, sich auf den Abbau des Gleiters zu konzentrieren. “Wir müssten den jetzt mal umdrehen... Der Rest geht dann viel leichter.”

“Okay.” Nervös strich sich Fady über die Haare, beugte sich übers Fahrwerk und umfasste das Ende eines Trapezrohrs. “Von hier?”

“Macht keinen Unterschied.” Thomas kam auf seine Seite rüber, um mit anzupacken. Mit einem gezielten Schwung beförderten sie den Drachen trotz Windböen glatt auf den Rücken. Aber bevor Fady sich wieder in die Arbeit stürzen konnte, legte ihm Thomas die Hände auf die Schultern. “Du hast auch ’n Recht drauf, selber zu bestimmen, wo die Grenzen sind.”

“Ja, sicher!” Fady lachte trocken und schaute an ihm vorbei aufs Meer raus. “Aber ich kann doch keine Interview geben, wo ich nur sage: also, sorry, ich will nicht darüber reden, warum ich habe früher mal diese Profil ins Internet gestellt.”

“Nee...” Thomas bewegte die Daumen sacht über seine Schultern und wartete einfach, bis Fady ihn ansah. Zweifel und Verunsicherung drängten sich nur so in seinem Blick, aber immerhin lag das alles offen zutage. “Trotzdem kannst du ja drüber reden, wie verletzend so’n Eingriff in deine Privatsphäre ist. Und zum Beispiel mal die Frage aufwerfen, warum irgendwer glaubt, er könnte grad mit dir so umspringen. Schließlich is’ sowas doch diskriminierend.”

“Natürlich, wer schon schwul ist, der verkauft auch Sex! Und dann noch ein Ausländer.” Fady biss sich auf die Lippe. “Sag mal... hast du auch diese Frage dir gestellt, warum ich damals mich bei diese Internetseite registriert hab?”

Thomas schüttelte den Kopf. “Mich hat an der ganzen Story überhaupt nur eins interessiert: was wir dagegen unternehmen können.”

Mit einem Mal wurde Fadys Blick ganz weich. Statt sofort was zu sagen, lehnte er sich vor und ließ die Stirn an Thomas’ Schulter sinken. “Ich war damals schon... ziemlich allein.” Seine Hände glitten um Thomas’ Hüften herum und legten sich mit leichtem Druck an sein Kreuz. “Und es war einfach schwer, Kontakt zu finden zu andere.”

Thomas strich sanft über seinen Nacken. Bei Fady war jetzt eine allmähliche Lockerung zu spüren, als enthakte sich da Stück für Stück sowas wie’n inneres Korsett. Und für ’ne Weile war nichts zu hören als die ruhige Brandung.

Dann richtete Fady sich auf und spannte die Schultern. “Ich will nicht immer in die Defensive sein und muss mich verteidigen.”

Was das für’n Stress bedeutete, war Thomas so messerscharf bewusst, als hätte er’s am eigenen Leib erfahren. Nur blieb ihnen momentan ja nichts anderes übrig, als sich diesen Übergriffen zu stellen. “Klar,” sagte er zögernd, “aber in so ’ner Situation kann man nur noch versuchen, das für sich selber... anders zu definieren. Als ’n aktiven Schritt nach vorn. Überleg doch mal – also, wenn du’s dir frei aussuchen kannst, wie du dir so’n Interview vorstellen würdest.”

“Erstmal, das muss ein wirklich seriöse Rahmen sein,” antwortete Fady sofort. “Und dann mit eine Person, die auch zuhört auf meine Antworten.”

Thomas nickte. “Und worüber würdeste gern reden?”

“Bei so eine Thema, am besten gar nicht!” Fady löste sich von ihm und trat einen Schritt zurück. “Also ehrlich, das macht mich so... nervös.” Er beugte sich über den Drachen und fing ganz methodisch damit an, die Segellatten auszuhängen. “Weil ich denke dann immer an diese Bild –” Seine Stimme wurde leiser. “– was die Leute sich machen von mir. Und wie hässlich das sein kann...”

Rein aus’m Impuls raus hätte Thomas ihn am liebsten gleich wieder in die Arme genommen. Aber Fady brauchte jetzt scheinbar ’ne Ablenkung, um diese beklemmende Vorstellung auf Abstand zu halten – wenn er sie schon nicht einfach in den Wind schießen konnte. Also ging Thomas auf der anderen Seite des Gleiters in die Knie und machte sich wieder an die Arbeit.

“Ich weiß, das ist ein einzige große Widerspruch!” Fady gestikulierte unsicher. “Auf die einen Seite, ich möchte frei sein so mich zu zeigen, wie ich will. Und auf die anderen, ich wünsche mir nur von die Leute zu respektieren, dass manche Dinge bleiben ganz privat. Ohne mir Fragen zu stellen.”

Ihre Blicke trafen sich über das Drachensegel weg, das lose zwischen ihnen in den Sand glitt. “Na, ich weiß nicht, ob das wirklich so’n Widerspruch ist,” meinte Thomas. “Irgendwie ist das eine doch die Kehrseite des andern. Nur wenn’s Grenzen gibt, die andere auch akzeptieren, hast du umgekehrt die Freiheit, so zu sein, wie du eben bist.”

Fadys Augen verengten sich, während er drüber nachdachte. Dann schüttelte er knapp den Kopf. “Ich glaube nicht. Weil von meine Instinkt, ich will mich nur davon verstecken.”

Da konnte Thomas nicht mal ernsthaft widersprechen. Trotzdem zog sich ihm innerlich alles zusammen. “Fady... wenn sich irgendwelche Leute so’n hässliches Bild von dir machen, dann liegt das an denen, nicht an dir.”

Fady zog nur die Schultern hoch, bevor er sich wieder mit den Segellatten beschäftigte. Und in dem Moment wurde Thomas eins schneidend klar: Letztlich befürchtete Fady, dass eben doch was wahres dran war. Deswegen lief so ein Interview auch zwangsläufig auf ’ne Konfrontation mit seinen grundlegendsten Ängsten raus. Bei der Vorstellung, ihn so’n Kampf ganz allein austragen zu lassen, breitete sich ein eisiges Prickeln um Thomas’ Magen aus – bloß waren seine blödsinnigen Beschützerinstinkte mit Sicherheit keine Hilfe.

“Thomas...” Fady hielt inne, eine Hand fest um die Leitkante geschlossen. “Würdest du wirklich das tun, was du geschrieben hast in deine Mail – also dich outen mit mir?”

Thomas sah ihm direkt in die Augen. “Wenn ich mich entscheiden müsste? Ja, sicher.”

“Und hast du kein Angst davor, was das bedeutet?”

“Doch.” Irgendwie waren sie jetzt wieder beim Ausgangspunkt dieses Gesprächs gelandet, und vielleicht drehte’s sich in Wirklichkeit ja genau um diese Frage. Thomas nahm sich ’n Moment Zeit, um den Tatsachen ins Auge zu sehen. ’Ne bloße Absichtserklärung kostete einen ja nichts – aber was war, wenn er’s am Ende doch nicht über sich brachte? Er räusperte sich. “So ’ner Angst... muss man sich halt stellen, sonst hält sie einen ewig nur im Griff.” Leiser fügte er hinzu: “Das hab ich schließlich von dir gelernt.”

Fadys Augenbrauen zuckten und bestimmt hätte er noch was dazu gesagt, aber im nächsten Augenblick spritzte und platschte es hinter ihnen laut auf. Als sie sich umdrehten, kam Hannes aus dem seichten Wasser auf sie zugewatet.

“Ihr habt was verpasst!” Blau angelaufen war er zwar nicht, aber etwas verfroren wirkte er trotz seines breiten Grinsens.

“Brrr!” Fady mimte totales Entsetzen. “Also, nein danke!”

“Selber Schuld.” Hannes ließ einen prüfenden Blick über den nur halb zerlegten Drachen schweifen. Aus seinen langen Haaren rann ihm das Wasser über Gesicht und Schultern. “Richtig weit seit ihr ja noch nicht gekommen. Is’ aber ohnehin besser man macht langsam und vorsichtig.” Er schüttelte sich wie’n nasser Hund und besprühte dabei alles um sich rum. “Ich helf euch gleich mit dem Rest, muss mich nur eben abtrocknen.”

“Lass dir ruhig Zeit.” Thomas hockte sich hin, um die Querspreizen auszukoppeln.

Es dauerte allerdings nicht mal ’ne Minute, dann war Hannes abgetrocknet und angezogen zurück. Der Wind übernahm den Rest und wirbelte seine feuchten Haare in alle Richtungen. In kürzester Zeit hatten sie die restlichen Stangen auseinandergeschraubt und das Segel zusammengerollt.

“So,” sagte Hannes befriedigt. “Und jetzt?” Sein Blick richtete sich auf Fady. “Haste’s dir überlegt, ob du’s mal ausprobieren willst?”

“Ich hab doch gar kein Ahnung davon,” antwortete Fady, aber so ganz endgültig klang das nicht.

Hannes zuckte die Achseln. “Brauchste für ’n reinen Passagierflug auch nicht.”

Fady schob beide Hände in seine Hosentaschen und betrachtete den abgebauten Gleiter. “Meinst du wirklich, ich könnte das schaffen? Trotz meine Höhenangst?”

“Definitiv.” Hannes kämmte sich die roten Strähnen mit gespreizten Fingern aus dem Gesicht. “Ich hab ’n Kumpel in Köln, dem wird schon schwindlig, wenn er nur mal auf ’ne Leiter steigt. Aber beim Drachenfliegen hat er null Probleme.”

Anstelle einer Antwort hob Fady den Kopf und sah Thomas lange an. “Eigentlich... ich will schon gerne das versuchen.” Er zögerte kurz. “Wenn du die Pilot bist.”

Thomas war viel zu überrascht, um direkt zu reagieren. Atmete die salzige Luft so tief in seine Lungen, dass er’s richtig prickeln spüren konnte.

“Also daran soll’s nun nicht scheitern!” Hannes kniff die Augen zusammen und fixierte Thomas mit einem strengen Blick. “Aber pass mir gut auf meinen Vogel auf, okay?”

“Ja, logisch,” murmelte Thomas. Er war immer noch völlig geplättet. Aber jetzt lächelte Fady ihn an, als müsste er ihm Mut machen, und nicht etwa umgekehrt. Verlegen wischte sich Thomas die sandigen Handflächen an der Hose ab. “Ich denk mal, das krieg ich schon hin.”

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Comments

Posted by: kadmiel73 (kadmiel73)
Posted at: 25. April 2010 19:09 (UTC)

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