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Unknown Waters – part 10.5
by cara_la_mia (cara_la_mia)
at 7. November 2009 (22:56)

Title Unknown Waters              
Part: 10.5/?    
Pairing: Tom/Fady    
Rating: R         
Language: German    
Summary: “You let me dive in unknown waters, I close my eyes, I learn to see...”  
Disclaimer: Thomas und Fady gehören nur sich selbst; ich habe keine Ahnung von ihrem Liebesleben und möchte mit meiner Story auch niemandem zu nahe treten. Wie jedem, der die Medien verfolgt, sicher sofort auffällt, handelt es sich hier um ein Alternate Universe, in dem meine Fantasie gern lange Spaziergänge unternimmt.

Und zuletzt: vielen lieben Dank an bm_shipper, meine geduldige Beta-Leserin, die mir geholfen und mich ermutigt hat. :)

Unknown Waters

Als sie wieder oben am Berg ankamen, hatte sich Fady in die wärmsten Klamotten gepackt, die er unter seinen Sachen auftreiben konnte. Beim Hof hatten sie einen kurzen Boxenstopp eingelegt, und Thomas hatte fast damit gerechnet, dass Fady es sich doch noch anders überlegen würde. Aber stattdessen hatte er sich im Eiltempo umgezogen und sprang jetzt als erster aus dem Ford, sobald Thomas neben Hannes’ Geländewagen eingeparkt hatte.

Inzwischen waren knapp überm Horizont ein paar fasrige Wolken aufgezogen, aber der Wind blies noch genauso sanft und stetig wie vorhin. Während sie sich alle drei an den Aufbau des Gleiters machten, ging Thomas im Kopf sämtliche Risiken durch, die einem bei so’m Gleitflug in die Quere kommen konnten. Turbulenzen, Strömungsabriss oder ’n plötzlicher Aufwind bei der Landung. Das hatte er alles schon ein paar Mal mitgemacht, ohne ernsthaft in Schwierigkeiten zu geraten. Nur war er halt noch nie mit einem Passagier gestartet. In Deutschland brauchte man für sowas ’ne spezielle Zulassung, obwohl’s eigentlich nicht groß anders war als allein fliegen. Außer der Passagier geriet in Panik und kam einem beim Steuern dazwischen...

Quatsch, sagte er sich, Fady wird sich genauso gut im Griff haben wie immer. Wenn nicht noch mehr. Nur ihm selber rauschte das Adrenalin jetzt ununterbrochen durch alle Glieder, das war ’ne ganz andere Anspannung als vorhin. Außerdem wurde er das dumme Gefühl nicht los, dass Fady es sich nur wegen ihres Gesprächs in den Kopf gesetzt hatte, so’n Experiment zu starten. Trotz seiner Höhenangst.

“Alles parat,” sagte Hannes, als er die letzten Knoten noch mal überprüft hatte. “Dann könnt ihr euch das Gurtzeug überziehen.” Mit gespreizten Flügeln stand der Drachen am Hang, als könnte er’s gar nicht mehr erwarten.

Thomas schleppte das Gurtzeug zum Startplatz rüber und half Fady wortlos beim Anlegen. Mehr als einmal fing er seinen fragenden Blick auf, aber was sollte er denn sagen? Schlimm genug, dass Fady ihm seine Nervosität offenbar ansehen konnte.

“Fertig!” Thomas spannte den Rückengurt und strich Fady leicht übers Kreuz. “Dann werd ich mir jetzt mal meine Schürze umbinden.”

Noch im Wegdrehen spürte er Fadys Blick. Darin lag ’ne ganz eigentümliche Ruhe – genau das, was ihm selber fehlte. Eilig stieg Thomas in die Beingurte und zog den Brustschutz nach oben. Dass ihm grad dermaßen die Düse ging, war doch eigentlich kein Wunder. Hing schließlich total von ihm ab, sie heil wieder an die Erde zu bringen. Und dafür zu sorgen, dass das Ganze nicht zu ’nem Albtraum für Fady wurde.

Eben winkte ihn Hannes zum Gleiter rüber, um ihm schon mal zu zeigen, welche Position er gleich einnehmen würde. “Du kannst dich hier an den Rohren festhalten,” sagte er, “musst du aber nicht – die Haltegurte tragen dich auch so. Die sind bombastisch stabil, da könnt’ man glatt ’n Elefantenkalb dran aufhängen.”

Amüsiert legte Fady den Kopf schräg. “Und sonst, was soll ich machen?”

“Gar nichts weiter. Nur mit den Steuerbewegungen mitgehen. Am besten mit dem ganzen Körper mitschwingen und dich im übrigen auf deinen Piloten verlassen.” Als Thomas näherkam, fasste Hannes nach seiner Schulter. “Kannste auch wirklich – Tom macht das erstklassig.”

“Ich hab da gar kein Zweifel dran.” Fadys Lächeln ließ tatsächlich keinen Hauch Beunruhigung erkennen. “Und bei die Landung?”

“Da gilt genau das selbe,” erklärte Hannes. “Immer locker bleiben und alles weitere deinem Piloten überlassen.”

Thomas rang sich ein Grinsen ab. “Naja, du landest in jedem Fall auf mir drauf, da kann eigentlich gar nichts schiefgehen.”

“Und...” Fady zögerte. “Was ist, wenn mir doch schwindlig wird oder schlecht?”

“Ganz ruhig durchatmen,” sagte Hannes. “Und nicht nach unten sehen, immer zum Horizont, dann wird dir auch nicht übel.” Als keine weitere Frage mehr kam, breitete er die Hände aus. “Na gut. Dann sollten wir dich mal in die Gurte einhängen.”

“Ich mach das,” mischte Thomas sich ein. Wurde Zeit, dass er nicht mehr nur dämlich daneben stand.

Systematisch klickte er einen Karabinerhaken nach dem anderen in die Halterung, stellte die Länge des Fußstreckers ein und überprüfte nacheinander alle Sicherungen. Konzentriert beobachtete Fady jeden Schritt dieser Prozedur.

“Jetzt kannste dich probehalber nach vorn fallen lassen,” sagte Thomas schließlich, “und ich kontrollier noch mal die Gurte. Aber mach langsam.”

Fady rückte seinen Helm zurecht und beugte sich vor, bis die Riemen sein ganzes Körpergewicht trugen. Frei schwebend hing er dann unterm Drachen, schwang sich leicht vor und zurück und ruderte mit den Armen. “So, das ist schon wirklich wie schwimmen in die Luft!”

Auf seinem Kontrollgang umrundete ihn Thomas einmal ganz. Als er wieder bei Fadys Schultern angekommen war, ging er in die Hocke, um ihm ins Gesicht zu sehen. “Alles okay?”

“Na, etwas komisch fühlt sich das an – aber nicht schlecht.” ’Ne ruhelose Erwartung blitzte Fady aus den Augen. Von Unsicherheit keine Spur. “Und was kommt als die nächste?”

“Als nächstes werdet ihr aneinandergeschnallt,” meldete sich Hannes zu Wort. “Geht am einfachsten, wenn ihr beide steht.”

“Denn mal hoch.” Thomas griff nach Fadys Hand und zog ihn mit sich auf die Füße. Nahm anschließend seine Position direkt vor ihm ein.

Routiniert sicherte Hannes eine Verbindung nach der anderen. Hüfte, Brust, Schultern. Bis sie schließlich in voller Montur vor dem Drachen postiert waren, angeleint und startklar. So dicht wie Fady hinter ihm stand, konnte Thomas trotz Gurtzeug seinen Atemrhythmus spüren. Nachher beim Fliegen, wenn sich die Gurte zwischen ihnen maximal gespannt hatten, würd’s nicht mehr so viel Körperkontakt geben, aber im Moment war’s ’ne echte Beruhigung.

“So, jetzt seid ihr auf Gedeih und Verderb aneinandergekettet.” Hannes zwinkerte ihnen zu und trat ein paar Schritte zurück. “Den Rest kriegt ihr auch allein hin, oder?”

“Kein Problem.” Thomas zerrte am Kinnriemen seines Helms, bis er stramm saß.

“Ich fahr dann mal wieder zum Strand runter und hol euch ab. Werd aber erst später da sein als ihr.” Über die Schulter winkte Hannes ihnen noch mal zu. “Guten Flug!”

Thomas schloss die Augen und atmete tief durch, aber das Unruhflimmern in seinen Nerven ließ sich damit auch nicht abstellen. In so’m Zustand konnte er doch unmöglich starten, da würd’ ihm viel zu leicht ’n Fehler unterlaufen.

Und was jetzt – abbrechen? Thomas presste die Lippen zusammen. Einfach so aufgeben kam gar nicht in Frage. Bloß sollte er der Ursache für diese verdammte Nervosität wohl mal auf den Grund gehen.

“Thomas?” Gleichzeitig spürte er Fadys Hände auf seinen Schultern. “Was hast du?”

Mit einem Stoßseufzer ließ Thomas die Luft aus den Lungen. “Ich hab grad... ’n Anfall von Lampenfieber oder sowas.” Er lehnte sich etwas zur Seite und drehte den Kopf nach hinten. Ein Glück, dass sie offene Helme trugen, da konnte er Fady wenigstens in die Augen sehen. Und plötzlich wurd’s ihm ganz eng in der Kehle. “Fady... hör mal... du musst hier keinem was beweisen. Am wenigsten mir.”

“Du auch nicht.” Fady zuckte kurz mit den Schultern. “Ich möchte einfach diese Freiheit erleben... mit dir zusammen. Wenn du willst.”

Thomas schluckte. Übergangslos stand ihm ’ne Zeichnung aus Fadys Notizbuch vor Augen. Dieser wild aufflatternde Schmetterling. Und daneben nur ein einziges Wort: joy...

“Glaubst du nicht, das geht?” fragte Fady leise.

“Doch.” Thomas brachte ein Lächeln zustande, das bestimmt noch etwas wacklig ausfiel. “Definitiv.” Grad war bei ihm innerlich was ins Rutschen gekommen, das der ganzen Anspannung ’ne neue Richtung gab. “Okay, dann stell deinen Fuß wieder in den Strecker – siehste, so!” Mit dem linken Bein führte er’s langsam vor. “Und jetzt einfach nach vorn kippen lassen, genau wie eben.”

Gemeinsam schaukelten sie sich in die Liegeposition, bis die Haltegurte zwischen ihnen straff gespannt waren.

“Das ist ja so, als wenn ich trage dich!” sagte Fady erstaunt.

“Tust du auch.” Thomas grinste. Dass er selber nur an Fadys Gurtzeug eingeklinkt war, nicht am Drachen, konnte man bei so’m Gewirr von Sicherungsleinen, Schlaufen und Riemen wirklich leicht übersehen. “Also lass mich bloß nicht fallen, okay?”

“Niemals!” Von hinten schlang ihm Fady beide Arme um die Schultern und hielt ihnen einen Moment lang ganz fest. “Keine Angst.”

Jetzt nicht mehr... Thomas löste die Finger vom Steuerbügel, um kurz über Fadys Handgelenk zu streichen. “Dann bin ich ja beruhigt,” murmelte er. “Und wenn irgendwas is’... gib mir Bescheid.”

Er wartete, bis Fady die Trapezrohre wieder sicher im Griff hatte, streckte dann die Füße aus, um sich abzustoßen. Sachte rollte der Drachen los. Aber mit jedem Meter stieg das Tempo – genauso wie das Herzklopfen, das Thomas von der Brust bis in den Hals hochtrommelte. Bestimmt ging’s Fady nicht anders. So kurz vorm Abflug konzentrierte sich alles auf die verschiedenen Kräfte, die an einem zerrten. Schwerkraft, Wind und Adrenalin.

Dann rauschte ihnen der Aufwind auch schon entgegen und packte sie wie mit riesigen Händen. Hob den Gleiter von der Erde wie’n trockenes Blatt. Unter Thomas’ Händen bewegte sich der Steuerbügel fast von selbst und nahm den Druck bruchlos auf. Bis sie geradewegs in die Luft raussegelten. Fady stieß einen Schrei aus, der mehr nach Fassungslosigkeit klang als nach Panik. Jetzt gab’s kein Zurück mehr.

“Alles in Ordnung,” rief Thomas nach hinten, sobald er die Füße wieder sicher im Strecker hatte. Umdrehen konnte er sich natürlich nicht, aber er stellte sich vor, dass Fady die Augen fest zugekniffen hatte. Im nächsten Moment umklammerte Fady mit einer Hand seine Schulter. Thomas drückte sich so gut er konnte in seine Richtung, ohne den Drachen vom Kurs zu bringen. “Kann gar nix passieren.”

Dass er den Start diesmal glatter hingelegt hatte, war reine Glückssache. Vorhin hatte sich wohl ’n steifer Wind vom Meer am Berg gestaut und sie waren deswegen ’ne Runde durchgewirbelt worden. Aber jetzt spannte sich der Himmel vor ihnen aus wie ’ne Flugbahn, der sie einfach nur folgen mussten. Vorsichtig verlagerte Thomas seinen Griff um den Steuerbügel. Sicher war’s nur Einbildung, aber er spürte Fadys Hand auf seiner Schulter so deutlich wie’n Infrarotsignal. Und inzwischen krallte sich Fady auch schon nicht mehr so krampfhaft fest.

Als Thomas den Mund aufmachte, schluckte der Wind seinen Atem, und für’n Moment stieg’s ihm schwindlig zu Kopf. Was immer er hatte sagen wollen, war wie weggeblasen. Dieses Höhengefühl ergriff seinen ganzen Körper, als würden sie immer noch weiter aufsteigen. Dabei sank eigentlich die Erde unter ihnen weg.

“Wir... fliegen wirklich.” Fadys Stimme an seinem Ohr kam wie aus ’nem Wachtraum raus. Atemlos und rau und unglaublich nah.

“Is’ das nicht irre?” Thomas musste den Impuls unterdrücken, sich doch zu ihm umzusehen. Wie’n windgebauschtes grünes Tuch spannten sich die Berge und Abhänge vor ihnen aus, und allmählich hatten sie auch genau die Höhe erreicht, wo alles ganz still wurde. Wo man nur federleicht durch die Luft glitt.

Fadys Hand löste sich von seiner Schulter, und Thomas konnte ’ne sachte Bewegung ahnen, als ob er sich jetzt vorsichtig umsah. Vielleicht ’n ersten Anflug dieser Freiheit spürte, die er sich gewünscht hatte. Thomas riskierte einen Blick nach unten. Etwas tiefere Schatten zogen sich inzwischen um die Felsen, Bäume und vereinzelten Gebäude, gaben der Landschaft was gestochen scharfes, wie in Glas geritzt. Als könnte man die Linien mit den Fingerspitzen nachziehen. Ein ganzes Stück unter ihnen tanzten ein paar Möwen in den bodennahen Luftströmen.

Mit einem Blick zur Seite kontrollierte Thomas die Anzeigen auf dem Vario und atmete tief durch. Fadys Körper lag wie ein Sonnenschatten über ihm. Und trotz der Handbreit Luft zwischen ihnen konnte er mit einem Mal was spüren wie ’ne sanfte Schwingung. Dann wurde ein kaum hörbarer Ton draus – unterschwellige Brusttöne, die in Fadys Zwerchfell vibrierten und ihm mit Sicherheit das Atmen erleichterten. Aber dieser schwerelose Ton breitete sich auch immer mehr aus, und Thomas wurde ganz leicht dabei. Er atmete im selben Rhythmus, atmete diese Klangwellen ein, um möglichst viel davon in sich aufzunehmen.

Überhaupt fühlte sich das Fliegen ganz anders an als vorhin – bestimmt, weil er sich jetzt nicht mehr so aufs Steuern konzentrieren musste. Aber sicher auch deswegen, weil er in dieser Stille ’ne Verbindung zu Fady spürte, die genauso greifbar war wie die Sicherungsgurte zwischen ihnen.

Dann streckte Fady eine Hand in sein Sichtfeld und deutete nach vorn. “Sieh mal... das Meer!”

Zwischen den Bergen dehnte sich ein silbriges Sonnenglitzern übers Wasser – unaufhaltsam bis zum Horizont.

“Dahin müssen wir jetzt auch steuern.” Thomas verlagerte sein Gewicht nach rechts, um sanft in die Kurve zu gehen. Der Drachen legte sich vorübergehend etwas schräg, ohne an Tempo zu verlieren, und dann schwebten sie glatt nach Nordost – das seitliche Schwingen ihrer beiden Körper in einer Bewegung spürte Thomas bis ins Knochenmark. Wie’n Magnetfeld, das ihm von innen raus ’ne glasklare Orientierung gab.

“Das geht so leicht!” Fady hatte sich etwas vorgeschoben, und als Thomas kurz den Kopf drehte, konnte er ihm direkt ins Gesicht sehen. In seinen Augen glitzerte es so unbändig wie draußen auf dem Meer.

“Unglaublich, oder?”

Anstelle einer Antwort strich Fady mit beiden Händen über seine Schultern und Arme nach außen, breitete dann selbst die Arme aus. “Jetzt bin ich eine Vogel!”

Thomas lachte. Nichts als Himmel ringsrum, die Sonne im Rücken – und dann dieses Gefühl absoluter Leichtigkeit, äußerlich und innerlich. Da konnte man an gar nichts mehr denken, was mit der auf Schneckenhausgröße geschrumpften Welt da unten zusammenhing.

Völlig entspannt ließ Thomas sich treiben und bemerkte etwas zu spät, dass sie sich ihrer Landestelle schon bis auf fünfhundert Meter genähert hatten. Wurde Zeit, den Sinkflug in Angriff zu nehmen. Vor ihnen zog sich die Bucht wie ’ne weiße Sichel am Wasser entlang.

“Ich geh allmählich runter,” sagte er, “und dann müssen wir ’n paar Haken schlagen, damit wir ’n Gegenwind erwischen und glatt aufkommen.”

“Schon zu Ende?” Fady klang mittlerweile richtig übermütig.

“Ja, leider!” Thomas richtete den Blick aufs Vario, um ihre Sinkgeschwindigkeit zu überprüfen, während er nach und nach Höhe abbaute. Der Landeanflug war nun mal der kniffligste Part, da konnte man am ehesten abschmieren – aber er hatte jetzt überhaupt keine Sorge mehr, dass Fady in Panik geraten und ihm beim Steuern irgendwie dazwischenfunken könnte.

“Whoo!” machte Fady, als sie sich in die erste enge Linkskurve legten und gemeinsam nach außen schlenkerten.

Thomas grinste in sich hinein und konnte nur hoffen, dass ihm nicht doch noch in letzter Minute schlecht wurde. Nach der nächsten Kurve schwebten sie schon dicht überm Boden. Ein rauer Gegenwind schlug ihnen ins Gesicht und bremste den Gleiter etwas zu heftig. Bevor sie zu steil aufsetzen konnten, gab Thomas wieder mehr Tempo und levelte aus, ehe er den Bügel bis zum Anschlag nach vorn drückte. Einen Moment später knirschten die Räder schon im nassen Sand. Okay, vielleicht waren sie ein bisschen zu nah beim Wasser runtergekommen, aber ansonsten hatten sie ’ne Eins A-Landung hingelegt.

Für eine Weile hingen sie beide nur schaukelnd unterm Drachen. Meeresrauschen im Ohr und ’n Geschwindigkeitsrauschen im ganzen Körper. Dann ließ Fady den Kopf nach vorn fallen, sodass sein Helm an den von Thomas klackte. “Oh mein Gott...” Seine Stimme klang jetzt doch etwas zittrig. “Also, das war... total... unbeschreiblich.”

“Kannste aber laut sagen.” Thomas zog die Füße aus dem Strecker. Setzte sie vorsichtig in den Sand, um sich erstmal zu stabilisieren, bevor er damit anfing, die Verbindungsgurte zu lösen.

“Soll ich helfen?” fragte Fady.

“Nee, lass nur, ich mach schon.” Thomas griff nach seiner Hand und drückte sie. Fady brauchte sicher noch ’n Augenblick, um sich zu fangen, und wenn sie beide an den Gurten rumfummelten, würden sie sich eh nur in die Quere kommen. Ganz zuletzt klinkte er die Schulterverbindung aus und schob sich zur Seite. “So, dann wolln wir dich mal da rausholen.” Thomas legte seinen Helm weg und schüttelte sich die verschwitzten Haare aus der Stirn. “Du kannst die Füße schon mal aus’m Strecker nehmen.”

Ihm war selbst noch ’n bisschen schummrig in der Birne, aber das legte sich, als er nacheinander die Gurte an Fadys Hüfte und Brust aushakte. “Das war’s!”

Fady kniete sich neben ihn in den Sand, warf einen langen Blick zum Berg zurück und schüttelte den Kopf. “Ich bin geflogen!”

“Und wie hat’s dir gefallen?” fragte Thomas, obwohl er’s ja eigentlich schon wusste – bei dem strahlenden Lächeln, das sich jetzt auf Fadys Gesicht ausbreitete. “Wie war’n das nun mit deiner Höhenangst?”

“Ja, schon, ich hatte Angst zu Anfang...” Fady zog sich den Helm vom Kopf und gestikulierte aufgeregt. “Aber anders als sonst – und dann die hat sich aufgelöst in so eine Gefühl – ich weiß nicht... wie ein einzige Strom von Energie. Einfach so!” Er sprudelte richtig über und sprang im nächsten Augenblick auf die Füße. “Oh merde, ich kann gar nicht richtig stehen!”

Lachend streckte er beide Arme aus, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Aber da hatte ihn Thomas schon um die Taille gepackt. Ohne ein weiteres Wort zog er Fady eng an sich und küsste ihn, bis ihnen beiden die Luft wegblieb.

Jetzt ist mir schwindlig!” Fady machte sich von ihm los, drehte sich einmal um die eigene Achse und verlor prompt die Balance. Mit einem überraschten kleinen Laut landete er auf seinem Hinterteil, ließ sich dann aber nur rückwärts in den Sand fallen.

Thomas plumpste neben ihm zu Boden und seufzte. “Also echt... so’n Wahnsinnserlebnis wie heute war das noch nie.”

Er strich mit der Hand über Fadys Brust, wo der Nachmittagsschatten des Drachen ’ne schräge Linie zog. Fady blinzelte verträumt zum Himmel rauf, aber sein Blick wurde ganz klar, als sich Thomas über ihn beugte.

“Wow,” sagte er leise und schlang eine Hand um Thomas’ Nacken. Und dann, schon ganz dicht an seinen Lippen: “Danke.”

* * *